Kapitel 8.1 Kapitel 9
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8.2 Ein geglückter Versuch?

Viele Kritiker halten Dorothy L. Sayers’ Versuch, den Detektivroman zurück auf das Niveau des realistischen Gesellschaftsromans zu bringen, für mißglückt. Immer wieder wird kritisiert, daß Wimsey als Liebhaber lächerlich wirkt, daß die Verknüpfung von Liebesaffäre, sozialen Themen und Detektivgeschichte konstruiert wirkt und daß Sayers sich zu einer snobistischen Literatin entwickelt habe.
W.H. Auden zeigt sich in „The Guilty Vicarage" als Anhänger der klassischen Detektivgeschichte.  Seine dogmatischen Forderungen nach einer rigiden Struktur lassen wenig Zweifel an seiner Einstellung aufkommen. Für Auden muß eine gute Detektivgeschichte strengen Anforderungen entsprechen, die wenig Chancen lassen, das Genre zu gleichberechtigter Literatur werden zu lassen. Er fordert nicht Realitätstreue, sondern nach einem bestimmten Muster erzeugte Spannung.
Im krassen Gegensatz dazu steht Raymond Chandler, der in „The Simple Art of Murder" Realität um jeden Preis fordert und die Unwahrscheinlichkeiten in den Romanen seiner Kollegen anprangert.  Beiden gemeinsam ist jedoch die Abneigung gegen Sayers’ Romane. Auden hält Wimsey für einen „priggish superman",  der nur Detektiv ist, weil es einer seiner Launen entspricht. Chandler geht Sayers’ Realitätsempfinden nicht weit genug. Er bewundert Sayers’ Darstellung von Randpersonen, beklagt aber, daß sie es nicht geschafft habe, ihre Protagonisten vom Marionettendasein zu befreien.

„If it started out to be about real people (and she could write about them - her minor characters show that), they must very soon do unreal things in order to form the artificial pattern required by the plot. When they did unreal things, they ceased to be real themselves. They became puppets and cardboard lovers and papier mâché villains and detectives of exquisite and impossible gentility. The only kind of writer who could be happy with these properties was the one who did not know what reality was."

Ulrich Suerbaum betrachtet Gaudy Night als Oxford-Roman, was er offensichtlich auch ist. Auch er fragt sich, ob Sayers mit diesem Roman den Ansprüchen, die an Literatur gestellt werden, Genüge getan habe. Er stellt fest, daß die augenfälligste Abweichung Gaudy Nights zur Norm der Detektivgeschichten in seinem Umfang liege. Mit fast 500 Seiten übersteigt Gaudy Night das Standardvolumen der Detektivgeschichten und gehört auch zu den umfangreichsten Werken Dorothy L. Sayers’. Doch Quantität allein kann natürlich kein Kriterium für hohe Literatur sein. So stellt Suerbaum auch fest, daß in Gaudy Night neben dem Handlungsgerüst, das er im wesentlichen dem der Detektivgeschichte für entsprechend hält, auch andere Standardelemente der Detektivgeschichte zu finden sind:

„ein Figurenensemble, das aus Detektiven und Verdächtigen besteht, Fragen, die am Ende von Sequenzen beantwortet werden, Ermittlungen auf materieller und psychologischer Ebene, alternative Erklärungskontexte zum Verstecken von Spuren, Zwischenbilanzen, große Lösungsszene - und so weiter."

Suerbaum bemerkt auch die Themen, die vom normalen Gerüst der Detektivgeschichte abweichen, wie das Leben in Oxford, die Universität als geistiges Refugium, die Wissenschaft als Ideal menschlicher Existenz. Jedoch kann er nicht feststellen, daß diese Themen in einer eigenen Struktur Bestand hätten. Suerbaum bemängelt das Fehlen von unabhängigen Handlungen sowie personaler Träger der Themen, die diese Themen zu Romanbestandteilen machen. Die Themen werden seiner Meinung nach nur „irgendwo als Dialog oder Reflexion untergebracht".  Miss de Vine, Miss Hillyard, Catherine Bendick sowie natürlich auch Wimsey und Harriet sind allerdings meines Erachtens deutlich die Träger des Themas „intellektuelle Integrität" in seinen unterschiedlichen Interpretationsvarianten. Sayers beschreibt das Verhältnis dieser Person zu dem Thema sehr intensiv. Sie gibt jeder von ihnen eine unterschiedliche Auffassung vom Wert ihrer Arbeit und stellt sie einander gegenüber.
Da diese Themen in Gaudy Night nur durch das Gerüst der Detektivgeschichte gestützt werden, gesteht Suerbaum dem Roman „zwar eine Öffnung mit dem Ziel der Aufnahme neuer Aussageelemente" zu, hält ihn jedoch noch nicht für den Übergang in den Gesellschaftsroman.  Allerdings gibt er zu, daß Gaudy Night über das Niveau des Rätselspiels hinausgeht. Er sagt, daß das Gerüst des Detektivromans durchaus in der Lage sei, auch andere Themen neben dem eigentlichen Rätsel zu tragen, hält aber Dorothy L. Sayers’ Lösung für mißlungen.
Auch John G. Cawelti erkennt Sayers’ Anstrengungen, dem Gerüst des Detektivromans neue Möglichkeiten abzugewinnen. Er vergleicht die Romane Sayers’ mit denen Agatha Christies und stellt fest, daß die Stärke Christies in der Darstellung von mysteriösen Rätseln liege und die Qualität Sayers’ bei der Verbindung des Rahmens des Detektivromans mit religiösen Themen und der Beschreibung von sozialen Schauplätzen.
Howard Haycraft sieht Dorothy L. Sayers als Pionierin. Er beschreibt sie als gebildete Autorin mit der Ambition, der Detektivliteratur neue Möglichkeiten zu öffnen. Er hält sie für eine Schriftstellerin, die experimentierfreudig ist und neue Formen anstrebt. Ihren Versuch allerdings hält auch er für wenig geglückt. Das führt er darauf zurück, daß Sayers zu den ersten gehört habe, die Anstrengungen in diese Richtung unternommen haben.
Julian Symons fragt sich, ob denn ein Roman wie Gaudy Night oder Busman´s Honeymoon überhaupt noch als Detektivroman bezeichnet werden kann. Über Sayers’ letzte Detektivromane sagt er:

„Her infatuation with Lord Peter, and her attempt to turn the detective story into a ‘novel of manners’ ended in a weakening of the detective element almost to the point where it ceased to exist."

Dorothy L. Sayers hat, wie ich meine, mit ihren Lord-Peter-Wimsey-Romanen der Detektivliteratur eine Menge neuer Impulse gegeben. Angefangen hat sie mit einem supermannähnlichen Detektiv, den sie, durch seine Beziehung zu Harriet Vane, mit so vielen Schwächen, Eigenarten und auch bewundernswerten Eigenschaften versehen hat, daß sich aus ihm über eine Anzahl von Jahren und Romanen eine menschliche Figur entwickeln konnte. In ihren Romanen beschreibt sie nicht nur Mordfälle, sondern, zum Beispiel in The Nine Tailors und Gaudy Night durchaus erfolgreich, auch soziale Gruppen u