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„When in a light-hearted manner I set out, fifteen years ago, to write the first ‘Lord Peter’ book, it was with the avowed intention of producing something ‘less like a conventional detective story and more like a novel’. Re-reading Whose Body? at this distance of time I observe, with regret, that it is conventional to the last degree, and no more like a novel than I to Hercules."
Sayers’ erklärtes Ziel war es, den Detektivroman auf das Niveau von Wilkie Collins und Sheridan Le Fanu zurückzuführen. Diese beiden zeichnen sich in ihren Werken nicht nur als Meister der Spannung, sondern auch durch hervorragende Milieubeschreibungen aus. Dorothy L. Sayers versuchte, ihre Lord-Peter-Wimsey-Romane diesem Vorbild anzupassen. Paul G. Buchloh und Jens P. Becker stellen in Sayers’ Romanen eine Rückbesinnung auf alte Traditionen fest.
„Das Schwergewicht dieser Romane liegt auf der psychologisch feinfühligen Charakterzeichnung der Hauptgestalten, (...) auf der Liebesgeschichte in der Nebenhandlung und auf der Betonung des Humors. Verbrechen und Detektion treten zurück. Diese Entwicklung bedeutet sowohl eine Umkehr zum viktorianischen Gesellschaftsroman wie eine Rückwendung auf den romanzenhaften amerikanischen Detektivroman zwischen 1875 und 1914."
Dorothy L. Sayers’ Hang zum Gesellschaftsroman war zuerst in der liebevollen
Beschreibung der in Nebenrollen agierenden kleineren Charaktere zu erkennen.
Figuren wie der Architekt Thipps, der Angst hat einzugestehen, daß
er in einem Nachtclub war, aber soviel Courage besitzt, einen Freund zu
decken; die Künstlerkolonie in Five Red-Herrings; der Pastor
in The Nine Tailors; der bekehrte Safeknacker, der jetzt Laienprediger
ist, in Strong Poison; oder die Künstler im gleichen Buch - sie alle
sind mit einer Detailfreudigkeit beschrieben, die es dem Leser ermöglicht,
Einblicke in die Gesellschaft des Großbrittaniens der zwanziger und
dreißiger Jahre zu nehmen.
So schreibt Carolyn G. Hart über die Nebencharaktere in Gaudy
Night:
„But it isn´t only in the relations between Harriet and Lord Peter that this is the norm. All of the conversations among this novel´s participants intrigue, elucidate and mystify, entertain and rebuke, inform and obscure. These conversations give the readers a detailed, realistic, enormously fascinating portrayal of a particular kind of people at a particular moment in history. Sayers insisted that the novel of manners could be wedded to the mystery novel, and Gaudy Night proves her thesis."
Der Detektivroman als realistischer Gesellschaftsroman beschreibt Menschen
in problematischen Situationen, Menschen mit Gewissenskonflikten. Erreicht
wird die Beschreibung der Gesellschaft durch das Eintreten von Chaos in
Form eines Verbrechens in eine bestehende, funktionierende Gruppe wie das
Shrewsbury College. Der Detektiv hat die Funktion, die Ausgangsposition
wiederherzustellen.
Bei Sayers haben die Protagonisten nicht nur die Aufgabe, ein Verbrechen
mittels ihrer deduktiven Fähigkeiten aufzuklären. Sie müssen
auch ihre Persönlichkeit einbringen, um eine übergeordnete Problematik
zu verdeutlichen. Harriet Vanes und Lord Peter Wimseys gemeinsame Vorgeschichte
spiegelt sich im Plot des Romans wider. Harriets emotionale Unentschlossenheit
und Peters gradueller Abbau einer Barriere, die ihn vor Eingriffe in seine
Privatsphäre schützen sollte, bestimmen in weiten Teilen die
Entwicklung in Gaudy Night. Harriet ist in der Einschätzung
des Falles durch ihre Gefühle eingeschränkt.
Peter wird bereits in Whose Body? von Charles Parker auf die
gesellschaftliche Bedeutung seines Hobbys hingewiesen. Schulz-Buschhaus
sieht darin die Demonstration der Relevanz des Detektivromans.
„Der Detektiv, bislang für den Kriminalroman vorwiegend ein ‘sportsman’,
wird als ‘responsible person’ zum Bewußtsein seiner sozialen
Verantwortlichkeit ermahnt, was bedeutet, daß auch der Detektivroman
insgesamt auf die soziale Problematik seines Gegenstandes hingewiesen wird,
welche er bislang im wahrsten Sinne des Wortes überspielt hatte."
Harriet Vanes soziale Aufgabe ist es zu zeigen, wie sich eine emanzipierte
Frau verhalten kann. Sayers verleiht durch sie ihrer Einstellung zum Feminismus,
zu den Werten von Arbeit, Wahrheit und Integrität Ausdruck.
Harriet Vane befindet sich in Strong Poison in einer ganz außergewöhnlichen
sozialen Lage. Sie ist Autorin von Detektivromanen, was an sich schon außerhalb
der Norm ist. Sie lebt unverheiratet mit einem Mann und verstößt
diesen, als er ihr einen Heiratsantrag macht. Sie wird des Mordes angeklagt
und freigesprochen. Selbst heute hätte Harriet unter übler Nachrede
zu leiden. Sie aber wird vom Sohn eines Dukes geliebt - dessen Heiratsantrag
sie ebenfalls ablehnt. Das erfordert ein großes Maß an Charakterstärke
und Integrität.
Harriet Vane ist im Umgang mit ihren Mitmenschen einfühlsam, versucht,
deren Probleme zu verstehen. Ihre eigenen Probleme, deren Auslöser
die unglückliche Beziehung mit Philip Boyes war, manifestieren sich
in einem Gefühl der Schuldhaftigkeit. Sie glaubt, daß sie Wimsey
ihr Leben schuldet. Diese schon beinahe als Zwangsvorstellung zu beschreibende
Idee kommt von dem Wunsch nach unbedingter Selbständigkeit. Nachdem
ihre Eltern verstorben waren, mußte Harriet für sich selbst
sorgen. Sie hat sich eine Unabhängigkeit geschaffen, auf die sie außerordentlich
stolz ist. Wimsey könnte ihr, zumindest in ihrer Vorstellung, diese
Unabhängigkeit nehmen. Nur durch einen langwierigen Prozeß,
bei dem sie sich den Wert ihrer Person durch den Wert ihrer Arbeit bewußt
macht, schafft sie es, ihr Selbstwertgefühl wiederzufinden.
Was für das Ziel des einzelnen Detektivromans gilt, nämlich
die Wiederherstellung der Ordnung in die ein Mord Chaos brachte, wird für
Harriet durch die Serie von Romanen erreicht. Die Krise, die der Mord in
Strong
Poison ausgelöst hatte, wird erst durch die Wiederherstellung
von Harriets seelischem Ausgangszustand in Gaudy Night vollständig
gelöst.
Wimsey hatte bereits im Krieg psychischen Schaden genommen. Verstärkt
wurde sein Problem durch die unglückliche Beziehung, die ihn das Hobby
der Krimina-listik ergreifen ließ. Sayers läßt den
Leser in Gaudy Night erfahren, daß seine Art, den adligen Dummkopf
zu spielen, eine Form der Barriere ist, ein Schutzwall, um keine neuen
Angriffe auf seine Gefühlswelt zuzulassen. Nur Harriet gegenüber
kann er sich öffnen. Auch für Peter, der bereits in Strong
Poison um Harriets Hand anhält, ist die Entwicklung ihrer Beziehung
notwendig. Noch in Gaudy Night, während der gemeinsamen Bootsfahrt,
wehrt er Harriets Eindringen in seine Privatsphäre ab. Erst in Busman´s
Honeymoon kann er sämtliche Schilde fallen und sich von ihr trösten
lassen.
Dorothy L. Sayers versucht in Gaudy Night, im Gerüst des
Detektivromans soziale Themen zu installieren. Sie untersucht neben der
Frage nach dem Täter das Motiv für die Verhaltensweise ihrer
verschiedenen Charaktere und fragt, welcher soziale Druck diese Individuen
beeinflußt.
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