Kapitel 7.2 Kapitel 8.1
Inhaltsvereichnis Literaturverzeichnis
Startseite Webmaster@dalock.de

8. Die Detective Novel of Manners

Das Problem, ob der Detektivroman zur gehobenen Literatur gezählt werden kann, wird von Pierre Boileau und Thomas Narcejac ausführlich betrachtet.  Sie gehen davon aus, daß Literatur sich dadurch auszeichne, daß den Charakteren ein gewisses Eigenleben zugestanden werde, und daß der Autor beim Schreiben durch keinerlei Grenzen, sei es in bezug auf die Handlung oder auf seine Schreibweise, behindert werde.
Dadurch entwickele der Roman eine eigene Dynamik. Für den Detektivroman gilt nun, daß er von einer Grundthese bestimmt wird. Der Autor eines Detektivromans will einen neuen modus operandi vorstellen, ein kompliziertes Alibi brechen oder ein bestimmtes Motiv darlegen. Diese Grundthese behindert den Autor in der freien Entfaltung seiner Kreativität. Er muß seine Charaktere und deren Dialoge, den Schauplatz der Handlung und die Zeit, in der der Roman spielt, dieser Grundvoraussetzung anpassen.
Boileau und Narcejac meinen aber, daß auch der Detektivroman die Möglichkeit besitze, sich von diesem Schema zu lösen. Wenn er sich von dem engen Muster zu trennen vermöge, seine Charaktere in den Vordergrund stelle und das Verbrechen als Schicksalsschlag behandele, der Menschen treffe, die auch sonst ihre eigenen Probleme hätten, deren Darstellung sich lohne, sei es auch dem Detektivroman möglich, Literatur zu sein. Boileau und Narcejac sprechen davon, daß es im Detektivroman zwei Ebenen gäbe: zum einen die imaginäre Realität, zum anderen die reale Imagination.  Der Detektivroman ließe den Leser durch die offensichtliche, kriminalistische Fiktion in eine subtil dargestellte Realität blicken.
Mit dieser These beschreiben Boileau und Narcejac genau die Absichten, die Dorothy L. Sayers mit ihren Romanen verfolgte.
Der Detektivroman hat sich seit seinen Anfängen immer wieder stark verändert. Vor allem hat er sich während der Goldenen Ära zum eigenständigen Genre gewandelt. Er hat sich in dieser Zeit zunehmend von dem realistischen Gesellschaftsroman, der novel of manners, fortbewegt. Der Gesellschaftsroman stellt Auszüge einer Gesellschaft dar, indem er soziale Gruppierungen mit deren Problemen und Krisen beschreibt. Die Detektivgeschichte am Anfang der Goldenen Ära hat keinerlei derartige Ambitionen. Sind in der Zeit davor mit Wilkie Collins  oder Sheridan Le Fanu  noch parallele Entwicklungen zu beobachten, wendet sich die Detektivliteratur der zwanziger und dreißiger Jahre von diesem Weg ab. Die Detektivromane aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen haben den Charakter von Kurzgeschichten, indem sie sich nur auf eine Problemstellung konzentrieren und auf das Denouément hinarbeiten.
Dabei bleibt die Charakterdarstellung oft außen vor. Einem Großteil der Detektivromane, die in der Goldenen Ära geschrieben wurden, ist gemeinsam, daß ihnen wirkliche Charaktere fehlen. Durch diesen Mangel schränken sie sich selbst ein und beginnen, auf ein immer gleiches Repertoire an Handlungen und Lösungen zurückzugreifen.

„Wenn die Realität im Detektivroman einzig zur Konstruktion der ‘mystery’-Pointe arrangiert wurde, so verlor am Ende sogar die Pointe selbst an Reiz, da ihr die spärlichsten Realitätspartikel nicht mehr als Widerstand und Anreiz entgegenwirkten, sondern als Teile eines rigiden Automatismus von vornherein untergeordnet waren."

Ziel mußte es also sein, der Detektivliteratur dadurch neues Leben einzuhauchen, daß man realistische Charaktere mit einem realen Umfeld so in die Geschichte einbaut, daß sie durch ihre Empfindungen und Erfahrungen zur Lösung des Kriminalfalles beitrugen.
Martin Priestman  sieht bereits bei Agatha Christie Ansätze, die zu einer Entwicklung des Detektivromans führen. Christie hat für viele ihrer Romane das englische Landhaus als Schauplatz gewählt. Dadurch erhielten ihre Werke das Flair einer country-house-novel. Priestman stellt in Christies Detektivromanen acht verschiedene Typen fest, die immer wieder für den Charakter des stark Verdächtigen oder des Opfers benutzt werden: den Landbesitzer, die Englische Schönheit, den „schwachen", jungen Mann, die Sirene mit Vergangenheit, die respektable Ehefrau, den schweigsamen Kolonialisten, den Professionellen mit Familienanschluß (Anwalt, Arzt oder Geistlicher) und die weibliche Abhängige. Durch die immer wieder auftretenden Charaktere gewinnt diese Art der Detektivromane pastorale Züge.
 
 
Kapitel 7.2 Kapitel 8.1
Inhaltsvereichnis Literaturverzeichnis
Startseite Webmaster@dalock.de