8. Die Detective Novel of Manners
Das Problem, ob der Detektivroman zur gehobenen Literatur gezählt
werden kann, wird von Pierre Boileau und Thomas Narcejac ausführlich
betrachtet. Sie gehen davon aus, daß Literatur sich dadurch
auszeichne, daß den Charakteren ein gewisses Eigenleben zugestanden
werde, und daß der Autor beim Schreiben durch keinerlei Grenzen,
sei es in bezug auf die Handlung oder auf seine Schreibweise, behindert
werde.
Dadurch entwickele der Roman eine eigene Dynamik. Für den Detektivroman
gilt nun, daß er von einer Grundthese bestimmt wird. Der Autor eines
Detektivromans will einen neuen modus operandi vorstellen, ein kompliziertes
Alibi brechen oder ein bestimmtes Motiv darlegen. Diese Grundthese behindert
den Autor in der freien Entfaltung seiner Kreativität. Er muß
seine Charaktere und deren Dialoge, den Schauplatz der Handlung und die
Zeit, in der der Roman spielt, dieser Grundvoraussetzung anpassen.
Boileau und Narcejac meinen aber, daß auch der Detektivroman
die Möglichkeit besitze, sich von diesem Schema zu lösen. Wenn
er sich von dem engen Muster zu trennen vermöge, seine Charaktere
in den Vordergrund stelle und das Verbrechen als Schicksalsschlag behandele,
der Menschen treffe, die auch sonst ihre eigenen Probleme hätten,
deren Darstellung sich lohne, sei es auch dem Detektivroman möglich,
Literatur zu sein. Boileau und Narcejac sprechen davon, daß es im
Detektivroman zwei Ebenen gäbe: zum einen die imaginäre Realität,
zum anderen die reale Imagination. Der Detektivroman ließe
den Leser durch die offensichtliche, kriminalistische Fiktion in eine subtil
dargestellte Realität blicken.
Mit dieser These beschreiben Boileau und Narcejac genau die Absichten,
die Dorothy L. Sayers mit ihren Romanen verfolgte.
Der Detektivroman hat sich seit seinen Anfängen immer wieder stark
verändert. Vor allem hat er sich während der Goldenen Ära
zum eigenständigen Genre gewandelt. Er hat sich in dieser Zeit zunehmend
von dem realistischen Gesellschaftsroman, der novel of manners, fortbewegt.
Der Gesellschaftsroman stellt Auszüge einer Gesellschaft dar, indem
er soziale Gruppierungen mit deren Problemen und Krisen beschreibt. Die
Detektivgeschichte am Anfang der Goldenen Ära hat keinerlei derartige
Ambitionen. Sind in der Zeit davor mit Wilkie Collins oder Sheridan
Le Fanu noch parallele Entwicklungen zu beobachten, wendet sich die
Detektivliteratur der zwanziger und dreißiger Jahre von diesem Weg
ab. Die Detektivromane aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen haben
den Charakter von Kurzgeschichten, indem sie sich nur auf eine Problemstellung
konzentrieren und auf das Denouément hinarbeiten.
Dabei bleibt die Charakterdarstellung oft außen vor. Einem Großteil
der Detektivromane, die in der Goldenen Ära geschrieben wurden, ist
gemeinsam, daß ihnen wirkliche Charaktere fehlen. Durch diesen Mangel
schränken sie sich selbst ein und beginnen, auf ein immer gleiches
Repertoire an Handlungen und Lösungen zurückzugreifen.
„Wenn die Realität im Detektivroman einzig zur Konstruktion
der ‘mystery’-Pointe arrangiert wurde, so verlor am Ende sogar die
Pointe selbst an Reiz, da ihr die spärlichsten Realitätspartikel
nicht mehr als Widerstand und Anreiz entgegenwirkten, sondern als Teile
eines rigiden Automatismus von vornherein untergeordnet waren."
Ziel mußte es also sein, der Detektivliteratur dadurch neues Leben
einzuhauchen, daß man realistische Charaktere mit einem realen Umfeld
so in die Geschichte einbaut, daß sie durch ihre Empfindungen und
Erfahrungen zur Lösung des Kriminalfalles beitrugen.
Martin Priestman sieht bereits bei Agatha Christie Ansätze,
die zu einer Entwicklung des Detektivromans führen. Christie hat für
viele ihrer Romane das englische Landhaus als Schauplatz gewählt.
Dadurch erhielten ihre Werke das Flair einer country-house-novel.
Priestman stellt in Christies Detektivromanen acht verschiedene Typen fest,
die immer wieder für den Charakter des stark Verdächtigen oder
des Opfers benutzt werden: den Landbesitzer, die Englische Schönheit,
den „schwachen", jungen Mann, die Sirene mit Vergangenheit, die respektable
Ehefrau, den schweigsamen Kolonialisten, den Professionellen mit Familienanschluß
(Anwalt, Arzt oder Geistlicher) und die weibliche Abhängige. Durch
die immer wieder auftretenden Charaktere gewinnt diese Art der Detektivromane
pastorale Züge.