Kapitel 7.1 Kapitel 8
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7.2 Das Gewissen des Detektivs

Dorothy L. Sayers beschäftigt sich in ihren späten Detektivromanen in zunehmendem Maße mit der Frage, was mit den Tätern geschieht. In Gaudy Night wird viel darüber gesprochen, wie die Mitglieder des Senior Common Rooms der Familie des unehrenhaften Pförtners Jukes helfen,  nachdem sie ihn entlassen mußten. Wimsey wird in diesem Roman der Täterin bei der Lösung des Falles direkt gegenübergestellt und sie spuckt ihm für seine Handlungsweise ins Gesicht. In Busman´s Honeymoon wird beschrieben, wie Peter und Harriet ihre Zeugenaussagen machen müssen, wie der Täter zum Tode verurteilt wird und nicht bereit ist zu bereuen. Es wird gezeigt, wie sehr Wimsey unter dem Bewußtsein leidet, einem Menschen das Leben zu nehmen. Harriet als Peters Ehefrau ist es, der in dieser Situation die Rolle zu kommt, Peter Halt zu geben. Sie kann ihm nicht die Last des Gewissens nehmen, aber sie kann ihm helfen, die Verantwortung zu tragen.
Durch die immer stärker werdende Involvierung ihrer Charaktere stellt Sayers den Kriminalfall nicht nur als Rätsel dar, sondern benutzt ihn auch, um ein zwischenmenschliches Problem exemplarisch zu verdeutlichen. Sayers benutzt die Probleme ihrer Protagonisten, indem sie Parallelen zwischen diesen und dem Kriminalfall aufbaut. In einem Prozeß der Bewußtseinsfindung erkennen die Helden ihr Problem. Die Lösung des emotionalen Problems führt zur Lösung des Falles und vice versa.
Durch die zunehmende Betonung der zwischenmenschlichen Beziehungen, dadurch daß die Beschreibung von sozialen Gruppen immer mehr Platz einnimmt und nicht zuletzt durch die Betonung der Charakterzeichnungen in Dorothy L. Sayers’ Romanen gewinnt der Detektivroman meines Erachtens an Reiz. Sayers’ Romane sind nicht nur interessante Darstellungen von Kriminalfällen und Denksportaufgaben. Sie geben auch dem Leser, der mehr von Literatur erwartet als Amüsement, die Möglichkeit, etwas über Menschen in einer ihm fremden Gesellschaft zu erfahren.
Busman´s Honeymoon, zuerst auf Anregung einer alten Schulfreundin, Muriel St. Clare Byrne, als Bühnenstück konzipiert, später dann zum Roman erweitert, ist untertitelt mit A Love Story with Detective Interruptions. In diesem Werk stehen Peter und Harriet nur noch als Ehepaar im Vordergrund. Es wird gezeigt, wie die in Gaudy Night gefundene Basis ihrer Beziehung im täglichen Leben umgesetzt werden kann. Am Anfang steht die Hochzeit des Paares in Oxford. Berichtet wird über die Vorbereitungen und die eigentliche Hochzeit aus der Sicht Dritter, wie der Dowager Duchess, der Schwägerin Wimseys oder Bunters, in Form eines Briefromans. Nach dem so gestalteten Prothalamion kehrt Sayers wieder in die gewohnte Erzählform zurück.
Für Harriet Vane ist die lange Zeit der Unentschlossenheit zu Ende. Sie hat eine Form der Partnerschaft gefunden, in der sie als Gleichberechtige behandelt und auch gefordert wird. Peter nimmt Anteil an ihrer Arbeit, fordert sie auf, ihr bestes zu geben, auch wenn sie dadurch leiden muß. Ihr Minderwertigkeitskomplex ist überwunden. Harriet kann sogar mit Peters Reichtum umgehen, wenn er sie in seinen Vermögensregelungen berücksichtigt. Auch seine großzügigen Geschenke, nicht zuletzt das neue Haus Talboys, akzeptiert sie. Sicherlich kommen hierdurch alte Ängste, ihre schwer erworbene Unabhängigkeit aufgeben zu müssen, wieder auf. Aber sie kann Peter mit Geschenken, die ihre Sorgfalt bei der Auswahl deutlich machen, beeindrucken.
Harriet und Peter reisen zu ihrer Hochzeitsreise in den Ort, in dem Harriet als Tochter eines Landarztes aufgewachsen ist. Auf Harriets Wunsch hin haben sie dort ein Haus erworben, das sie schon in ihrer Jugend bewundert hat. Als sie ankommen, müssen sie feststellen, daß trotz vorheriger Absprache keinerlei Vorbereitungen getroffen sind und der Voreigentümer nicht aufzufinden ist. Das Ehepaar nimmt die neuen häuslichen Widrigkeiten gelassen und genießt die Hochzeitsnacht. Nur Bunter, der sie natürlich begleitet, ist besorgt um die Bequemlichkeit seiner Herrschaften. Am nächsten Morgen begegnen ihnen im Haus allerlei kuriose Gestalten, wie der ortsansässige Pfarrer, Mr. Goodacre, und der Maurer und Schornsteinfeger Mr. Puffet, die für das nötige Lokalkolorit sorgen. Außerdem finden sie die Leiche des Hausbesitzers, Mr. Noakes, in ihrem Keller. Damit beginnen die „detective interruptions".
Peter ist nicht sehr begeistert, auch in seinen Flitterwochen kriminalistisch tätig zu werden. Aber aus seiner mittlerweile etablierten sozialen Verantwortung heraus übernimmt er die Aufgabe. Hieraus ergibt sich eine erste Probe für ihre Ehe. Im Zuge der Ermittlungen wird Harriet bewußt, welche Verantwortung Peter trägt, wenn er einen Menschen indirekt zum Tode verurteilt. Sie ist entsetzt über die Vorstellung, diese Verantwortung mit ihm teilen zu müssen. Peter bietet ihr daraufhin an, mit seiner Tätigkeit aufzuhören.

„His voice was the voice of a beaten man. She was appalled, seeing what she had done.
‘Peter, you´re mad. Never dare to suggest such a thing. Whatever marriage is, it isn´t that.’
‘Isn´t what, Harriet?’
‘Letting your affection corrupt your judgement. What kind of life could we have if I knew that you had become less than yourself by marrying me?’
He turned away again, and when he spoke, it was in a queerly shaken tone:
‘My dear girl, most women consider it a triumph.’
‘I know, I´ve heard them.’ Her own scorn lashed herself - the self she had only just seen. ‘They boast of it - "My husband would do anything for me...." It´s degrading. No human being ought to have such power over another.’
‘It´s a very real power, Harriet.’
‘Then,’ she flung back passionately, ‘we won´t use it. If we disagree, we´ll fight it out like gentlemen. We won´t stand for matrimonial blackmail.’"

An dieser Stelle greift Sayers nochmals ein Thema aus Gaudy Night auf, nämlich das der emotionalen Abhängigkeit. Diesmal ist es Harriet, die in Versuchung geführt wird, Macht über ihren Partner zu gewinnen, und dieser widerstehen muß. Sie ist entsetzt, daß sie auch nur für den Bruchteil einer Sekunde der Versuchung nachgeben konnte. War sie es doch, die gefürchtet hatte, Teile ihrer Persönlichkeit in einer Beziehung aufgeben zu müssen. Nun hat sie Wimsey - der ihr gezeigt hat, daß er sie nur als gleichberechtige Partnerin akzeptieren will und ihr Selbstwertgefühl wiederhergestellt hat - dazu gebracht, bereitwillig einen Teil von sich aufzugeben. Harriet sieht jedoch sofort, daß ihre Ehe auf dieser Basis nicht funktionieren kann. Sie schätzt ihre eigene Individualität und möchte nicht, daß die ihres Mannes reduziert wird.
Am interessantesten für die Humanisierung der Figur des Lord Peter Wimsey ist das Epithalamion. Hier wird, für eine Detektivgeschichte ungewöhnlich, bis ins Detail beschrieben, wie Peter sich mit dem Resultat seiner Tätigkeit als Hobbydetektiv auseinandersetzen muß. Der Mörder soll gehängt werden. Peter will des Mörders Vergebung erbitten und wird schroff von diesem abgewiesen. So steht Wimsey anscheinend allein seinem Gewissen gegenüber. Er wird, wie so häufig, von einem nervenzusammenbruchähnlichen Anfall gepackt. Die Dowager Duchess hat deren Natur Harriet gegenüber zuvor erklärt.

„‘He doesn´t like responsibilty, you know,’ said the Duchess, ‘and the War and one thing and another was bad for people that way... .There were eighteen months...not that I suppose he´ll ever tell you about that, at least, if he does, then you´ll know he is cured... . I don´t mean he went out of his mind or anything, and he was always perfectly sweet about it, only he was so dreadfully afraid to go to sleep... and he wouldn´t give an order, not even to the servants, which made it really very miserable to him, poor lamb!...I suppose if you´ve been giving orders for nearly four years to people to go and get blown to pieces it gives you a - what does one call it nowadays? - an inhibiton or an exhibition, or something, of nerves.’"

Doch wo sonst Bunter, sein Diener und Freund die heilende Kraft besaß, kommt diesmal Harriet, mittlerweile Lady Peter Wimsey, zu Hilfe. Bunter und Harriet verbünden sich, um Peter in seiner Not zu helfen. Wimsey kann seinen Stolz überwinden und an ihrer Schulter Trost finden. Harriet gesteht ihm, daß auch sie sich am liebsten in einer Ecke verstecken möchte. Er antwortet:

„‘You´re my corner and I´ve come to hide.’"

An dieser Stelle wird die Beziehung zwischen Harriet und Peter ihrem letzten Test unterzogen.

„Harriets Ehe mit Peter (...) erfährt ihre Bestätigung erst dadurch, daß sie sich in dieser Situation bewährt und daß Harriet bis zu der schwersten Verantwortung, die ihr Mann zu tragen hat, vordringt. Zum ersten Mal wird in Lord Peters abenteuerliche Hochzeitsfahrt diese Beziehung zwischen Detektiv und Mörder ausdrücklich benannt und beschrieben als eine Frage der Verantwortung, und erst dadurch, daß Peter mit dieser Last der Verantwortung zu seiner Frau kommt und diese in der Lage ist, sie gemeinsam mit ihm zu tragen, wird die Liebesgeschichte und Detektivgeschichte zu einem Abschluß gebracht."

Mit dieser Szene ist die Humanisierung des Superhelden abgeschlossen.
Nach Busman´s Honeymoon tritt Lord Peter Wimsey nur noch in Kurzgeschichten auf. In "The Haunted Policeman" (1938)  wird Harriet und Peters erster Sohn geboren und in "Talboys" (1972) , einer Geschichte über den Diebstahl von Pfirsichen, haben sie bereits drei Kinder, und das Hauptthema ist die Frage der Erziehung.
 
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