Kapitel 7 Kapitel 7.2
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7.1 Die Involvierung der Charaktere

Dorothy L. Sayers’ Romane hatten von Anfang an einen anderen Schwerpunkt als die meisten Detektivromane. Während für die Mehrheit der Detektivromane der Goldenen Ära der Begriff Whodunnit eine treffende Beschreibung war, beschäftigte sich Sayers immer mehr mit dem Wie und dem Warum. In dem überwiegenden Teil ihrer Romane wird recht schnell deutlich, wer der Täter ist. Selbst wenn man noch nicht von dem Täterklischee des genialen Wissenschaftlers gehört hätte, würde man in Whose Body? bereits innerhalb der ersten Kapitel merken, wer der Mörder ist - zumal der Name Sir Julian Freke, als Anspielung auf freak, an sich schon entlarvend ist. Auch in Strong Poison kommt trotz geschickt arrangierter Ablenkungsmanöver eigentlich nur Norman Urquhart als Täter in Frage. Was Sayers interessiert, ist die Frage, wie ein Verbrechen begangen wurde und vor allem warum.
Durch diesen Anspruch schafft sie eine weitere Möglichkeit, auf die Persönlichkeit ihrer Charaktere einzugehen. Dabei ist in Sayers’ Romanen eine Entwicklung zu beobachten, die am deutlichsten am Beispiel der Verbrecher zu erkennen ist.  Während diese in ihren Frühwerken noch die Charakteristika des Superverbrechers tragen, sind die Übeltäter in ihren letzten Werken „kleine Normalbürger", die Verbrechen begehen, um sich zu rächen oder einen kleinen Schritt in Richtung Wohlstand zu machen. Die Motive werden bescheidener und sind dem Alltäglichen entnommen. Die Verbrecher der ersten Romane begehen entweder Selbstmord, oder aber der Leser wird über ihr weiteres Schicksal im Unklaren gelassen, eine Hinrichtung nur implizit angedeutet. In Gaudy Night und Busman´s Honeymoon muß sich der Detektiv und somit auch der Leser direkt mit den Tätern befassen. Dadurch wird Wimsey in starkem Maße involviert.
Im klassischen Detektivroman ist der Held als Persönlichkeit neutral. Sein Charakter, seine Empfindungen fließen nicht in die Lösung des Falles ein. Er hat eine Katalysatorfunktion. Seine Aufgabe ist es, rational Motive, Gelegenheit und Mittel des Mörders aufzudecken, um diesen letztendlich zu entlarven. Diese Situation ändert sich jedoch durch die Einführung eines Beziehungsthemas zwischen dem Detektiv und einer der Beteiligten. A. E. Murch erklärt diese veränderte Situation für den Detektiv so:

„Often enough the investigator becomes convinced that the person compromised by the evidence, usually a woman, is in reality innocent, and an element of romance, or at least of chivalry, is thus introduced.
The detective is then no longer simply an impartial enquirer whose intellectual faculties are brought to bear on the problem with ‘ice-cold logic’. The drama tends to involve him personally, appealing to his emotions and his affections may be deeply engaged, as Trent´s were by Mabel Manderson, Gethryn´s by Lucia, and Lord Peter´s by Harriet Vane."

Wenn es auch den Anschein hat, als ob E. C. Bentley und E. F. Benson Romanzen in ihren Romanen in ähnlicher Weise benutzt haben wie Sayers, so kommt doch ihr der Verdienst zu, eine bewußte Verflechtung der Romanze mit dem Detektivroman erreicht zu haben.
Mit der Einführung der Figur der Harriet war es Sayers nicht mehr möglich, die Distanz des Helden nach dem klassischen Muster, dem ihre frühen Romane noch folgten, aufrecht zu erhalten. Sie ist der Auffassung, daß wenn eine Romanze in eine Detektivgeschichte einfließt, diese Bestandteil der Lösung des Falls sein muß. Wenn dies nicht der Fall ist, verliert die ganze Geschichte an Konsistenz. Entweder die Detektivgeschichte wird zur Nebensache, oder die Romanze wird zur Farce, in der die Charaktere keinerlei Realität besitzen.
Um dies zu vermeiden, muß also die Problematik der Beziehung eine ähnliche Basis haben wie der Kriminalfall. In Gaudy Night ist diese Problematik die intellektuelle Integrität. Hätte Miss de Vine vor Jahren aus Mitleid mit der Familie des Wissenschaftlers, der, um seine These zu schützen, vorsätzlich betrogen hat, ihre intellektuelle Integrität verraten, wären die Vorkommnisse im Shrewsbury College nie aufgetreten. Wären Harriet und Peter nicht bereit, die Integrität des anderen zu akzeptieren, hätte eine Beziehung zwischen den beiden keine Aussicht auf Kontinuität.
In besonderem Maße bestimmend für das Ausmaß der Involvierung des Detektivs ist auch die Frage, inwiefern er Anteil nimmt an dem Schicksal des von ihm gestellten Mörders. Im klassischen Detektivroman, so stellt Ulrich Schulz-Buschhaus fest, findet sich für moralische Betrachtungen kein Platz.

„Da das Verbrechen im pointierten Rätselroman allein als das frappanteste Beispiel eines Rätsels behandelt wurde, mußten neben seinen psychischen und sozialen auch seine moralischen Aspekte grundsätzlich ignoriert werden. Das Verbrechen galt als eindeutiges Übel und seine Bestrafung als ebenso eindeutiges Gut; denn Verbrechen und Bestrafung stellten für das Schema ja immer nur eine spannende Rätselfrage dar."

Selbst die Opfer wurden nicht als bemitleidenswert beschrieben.
In den seltensten Fällen wird in Detektivromanen darüber berichtet, wie ein gefaßter Mörder verurteilt und hingerichtet wird oder wie der Detektiv damit umgeht, daß er einen Menschen durch sein Handeln dem Henker oder lebenslanger Haft übergibt. Auch der Lord Peter Wimsey der ersten Romane macht da nur in kleinem Maße eine Ausnahme. In Whose Body? wird das Ende des Sir Julian Freke noch mit Napoleon Brandy begossen. Allerdings zeichnet sich bereits in schwachen Ansätzen ab, daß Peter sich Gedanken über sein Handeln macht. Auch Peters Gewissen entwickelt sich im Laufe der Jahre und Romane. Im Gegensatz zu den Detektiven anderer Autoren hat Wimsey moralische Bedenken gegenüber den Tätern, die er durch sein Handeln der Strafe zuführt. In Whose Body? äußert er seine Bedenken Charles Parker gegenüber, der ihn auf seine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hinweist. Aber auch diese moralische Rückendeckung kann den Anfall von shell-shock nicht verhindern. Wimsey versucht, einen Kompromiß zwischen gesellschaftlicher Verpflichtung und Gewissen zu finden. In Unnatural Death sind durch sein Eingreifen weitere Unschuldige ums Leben gekommen. In diesem Buch sucht er Trost bei Mr. Tredgold, einem Priester, der ihm hilft, indem er Peter verdeutlicht, daß er den richtigen Weg geht, wenn er dem Gesetz hilft.  Die Konsequenzen könne der einzelne Mensch nicht abschätzen. Aber auf die Intention käme es an. Solange Peter aus einem Rechtsempfinden handele, könne er das moralisch vertreten. Aus einer Laune heraus oder als Hobby wären seine Taten schon eher bedenklich.
In Strong Poison wird dann auch deutlich, daß Wimseys kriminalistisches Interesse zu mehr als nur einem Hobby geworden ist. Letztendlich geht es in diesem Fall um einen Menschen, der ihm viel bedeutet. Nach Strong Poison wird Peters ehemaliges Hobby immer mehr dadurch gerechtfertigt, daß es sich dabei um einen Dienst an der Gesellschaft handelt. Harriet trägt ihren Teil dazu bei, wenn sie Peter in Gaudy Night verteidigt.

„‘But what I should like to know,’ pursued Miss Barton, refusing to be diverted, ‘is wether this dilettante gentleman does anything, outside his hobbies of detecting crimes and collecting books, and, I believe, playing cricket in his off-time.’
Harriet, who had been congratulating herself upon the way in which she was keeping her temper, was seized with irritation.
‘I don´t know,’ she said. ‘Does it matter? Why should he do anything else? Catching murderers isn´t a soft job, or a sheltered job. It takes a lot of time and energy, and you may very easily get injured or killed. I dare say he does do it for fun, but at any rate, he does do it. Scores of people must have as much reason to thank him as I have. You can´t call that nothing.’"

Obwohl seine kriminalistische Beschäftigung so ihre rationale Verteidigung erfährt, plagt Peter immer noch unbewußt das Gewissen. Nach jedem Fall kommt es zu Schockzuständen, die durch die Verantwortung für das Leben - oder den Tod - eines Menschen ausgelöst werden. In Busman´s Honeymoon ist es Wimsey mittlerweile schon fast zuwider, sich an der Aufklärung des Verbrechens beteiligen zu müssen. Harriet fragt ihn, ob die Polizei denn wirklich von ihm erwarten könne, selbst in seinen Flitterwochen noch Verbrechen aufzuklären. Er antwortet, daß er gar nicht anders kann:

„‘I can´t wash my hands of a thing, merely because it´s inconvenient to my lordship,(...). I hate violence! I loathe wars and slaughter, and men quarrelling and fighting like beasts! Don´t say it isn´t my business. It´s everybody´s business.’"

Die Aufklärung von Verbrechen ist nicht mehr nur ein Hobby. Es ist zu Peters Lebensaufgabe geworden, der er sich nicht mehr ohne Verlust der Selbstachtung entziehen kann.
 
 
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