Kapitel 6.2 Kapitel 7.1
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7. Die Charaktere am Ende ihrer Entwicklung

Lord Peter Wimsey, der einstige Superheld, hat sein Ziel erreicht: Harriet wird ihn heiraten. Aber viel mußte er dafür opfern und hart mußte Dorothy L. Sayers arbeiten, um ihre vormals zweidimensionale Heldenfigur zu eigener Menschlichkeit gelangen zu lassen. Gleichwohl wurde ihre Mühe von den Kritikern nicht immer wohlwollend aufgenommen. Die Verfechter der reinen Detektivgeschichte, die, wie einst auch Sayers, der Meinung sind, eine Liebesgeschichte habe in einem Detektivroman nichts zu suchen, halten Gaudy Night für Sayers schlechtesten Roman. Diejenigen, die eine Entwicklung des Detektivromans hin (oder zurück) zur Novel of Manners begrüßen, halten das Buch für ihr Meisterstück. So schreibt Suerbaum, der die von Sayers in Gang gesetzte Entwicklung kritisch betrachtet:

„Was zu der Zentralfigur eines normalen Detektivromans paßt - die übermenschlichen Geistesgaben, die markierenden Eigenheiten und Manierismen, die outrierte soziale Position - das wirkt völlig überzogen und lächerlich, wenn man es konkretisiert und psychologisch erklärt. Die >Marionette< der früheren Romane mit ihrem von der Autorin beklagten begrenzten Repertoire an Tricks und Attitüden ist glaubwürdiger als die ernstgemeinte Idealkombination aus Künstler, Wissenschaftler, Sportsmann und Diplomat."

Von vielen wird Sayers’ Versuch der Neugestaltung des Genres mit Hilfe der Metamorphose Wimseys als mißglückt betrachtet. Häufig wird die frühere Gestalt Wimseys vermißt und der neue verurteilt. Patricia Craig und Mary Cadogan empfinden Lord Peter Wimseys Emotionen als lächerlich.

„Wimsey in love is a sorry figur, hedged in by emotional constraints, his advantages of no account, his absurdities underlined and his author´s want of detachment badly in view. Dorothy L. Sayers created a fantasy figure and then proceeded to lumber him with real emotions which no reader can take serious."

Tatsächlich hat Sayers mit Gaudy Night ein gewagtes Experiment gestartet. Mit ihrem Versuch, den Detektivroman zu neuen Höhen zu bringen, ihm völlig neue Wege zu öffnen, hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Ist man als Leser in erster Linie daran interessiert, eine Detektivgeschichte als Gedankenspiel oder Rätsel zu lesen, ist man von den langschweifigen Beschreibungen der Beziehung Harriet-Peter sicherlich enttäuscht und gelangweilt.
Für den Leser jedoch, der daran interessiert ist, in einem Roman etwas über Menschen zu erfahren, und dabei die Spannung des Detektivromans nicht missen möchte, ist diese neue Form entgegenkommend. Wimsey mit seinen Schwächen und seiner neuerworbenen Vergangenheit mag nicht in allen Punkten überzeugend sein, aber in seiner Entwicklung und mit seiner Anfangsposition ist er durchaus glaubwürdig.
Nicolas Freeling hält Gaudy Night für Sayers’ bestes Buch, aber für ihre schlechteste Detektivgeschichte.  Während er ihren Versuch, zwei Genres miteinander zu verknüpfen, für „sometimes uneasy" hält,  betrachtet Julian Symons diesen als vollständig gescheitert.

„There is a breathtaking gap between intention and achievement."

Was von ihren Kritikern allerdings nicht beücksichtigt wird, ist, daß Sayers zu den ersten Autoren gehört, die diesen Schritt wagen. So wie die ersten Detektivgeschichten von E. A. Poe oder Sir Arthur Conan Doyle heute nicht mehr die Spannung aufkommen lassen, wie zu der Zeit, in der sie geschrieben wurden, so wirkt auch Sayers’ Pionierarbeit heute „uneasy". Das liegt aber nicht daran, daß diese Pioniere schlechte Arbeit geleistet hätten, sondern daran, daß spätere Autoren auf ihren Leistungen aufbauen konnten.
 
 
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