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6.2 Der Aufbau der Integrität in der Beziehung zwischen Wimsey und Harriet Vane

Lord Peter Wimsey muß als Detektiv für den Leser ohnehin als integer gelten. Die Detektive wie auch die Erzähler in Detektivromanen sind, mit wenigen Ausnahmen,  die einzigen Personen, denen der Leser trauen kann. Eine Detektivgeschichte, in der das nicht der Fall ist, würde gegen die fair-play-Regeln verstoßen.
Dieses Prinzip gilt natürlich nicht für die Charaktere innerhalb des Romans. Harriet kann nicht wissen, inwiefern sie Wimsey auf emotionaler Ebene trauen kann. Sie weiß, daß sie sich auf seine Hilfsbereitschaft verlassen kann, daß er da ist, wenn sie ihn braucht. Das ist aber noch nicht genug. Sie muß wissen, ob Peter sie auch als gleichwertig behandeln würde. Deshalb ist es nötig, auch für Lord Peter Wimsey eine Form von Integrität zu etablieren, die für Harriet wahrnehmbar ist.
Sayers beginnt, Peter als Teil der Gesellschaft von Oxford zu beschreiben. Diese steht, auch für Harriet, als Symbol für den Begriff „intellektuelle Integrität". Denn Oxford steht für das Recht und die Verpflichtung zu sagen, daß zwei und zwei gleich vier ist, immer und zu jeder Zeit ohne Einschränkung. Auf dieser Grundlage fußt jede Wissenschaft. An dieser Stelle Kompromisse zu machen hieße, wissenschaftliches Arbeiten unmöglich zu machen. Bei dem Dinner im Shrewsbury College, bei dem auch Lord Peter anwesend ist, kommt die Frage auf, ob es verantwortungsbewußt sei, immer nach Fakten zu streben, ohne die Resultate dieser Handlung zu berücksichtigen. Eingeführt wird das Thema durch Peter, der ein Beispiel nennt: In einem Fall wäre ohne seine Suche nach dem Mörder nur eine Person ums Leben gekommen.  Erst durch sein Eingreifen wird der Mörder gestört und bringt, um sein Motiv und Spuren zu verbergen, weitere Menschen um. Alle Mitglieder des Senior Common Room sind der Ansicht, daß Wimsey nicht anders hätte handeln dürfen. Die Wahrheit hat Vorrang vor allem anderen. Auf diese Weise verknüpft Sayers die Welt der Wissenschaft mit der des Detektivromans.
Wölcken sagt über den Zusammenhang zwischen Detektivgeschichten und Wissenschaft:

„Diese sittliche Notwendigkeit der Forschung, die wissenschaftliche Neugierde verbunden mit der Fähigkeit, sich eine Übersicht zu erwerben, Erkenntnisse ihrem Werte entsprechend abzuwägen, keine falschen Schlüsse zu ziehen, vor allen Dingen keine unzulässigen Rückschlüsse vorzunehmen, die Aufmerksamkeit des Kombinierens, das alles berührt sich aber auch eng mit den Gründen, aus denen Detektivgeschichten gelesen werden."

Peter wird beschrieben als Magister der Geschichtswissenschaften. Er hat einen Prädikatsabschluß und spricht mehrere Sprachen. Er kann mit den Gelehrten der Universität Konversation führen, ohne daß ihm jemand nachsagen könnte, er wüßte nicht, wovon er redet. Weiß er etwas nicht, gibt er das zu, was ihn nur noch integrer wirken läßt. Er kann Miss Hillyard Zugang zu einer Bibliothek mit für sie interessanten Schriften verschaffen.
Auf diesem Weg schafft es Sayers, Wimsey als Akademiker achtbar wirken zu lassen. Für Harriet ist es aber wichtig, ihm nicht nur intellektuell, sondern auch emotional vertrauen zu können. Zu diesem Zweck läßt Sayers den Fall, an dem Harriet und Peter gemeinsam arbeiten, eine mögliche direkte Auswirkung auf ihre gemeinsame Beziehung haben, die Wimsey erkennt und fürchtet.
Das Motiv des Täters ist auf unkontrollierte, emotionale Abhängigkeit zurückzuführen. Der Auslöser war die Ahndung mangelnder Integrität durch Miss de Vine. Peter muß fürchten, daß, wenn Harriet die Zusammenhänge erkennt, sie ihre Angst vor emotionaler Bindung bestätigt sieht. Das ist die große Probe, die Wimsey gestellt wird. Wird er dem Verlangen nachgeben, den einfachen Weg zu gehen und das wirkliche Motiv vor Harriet zu verbergen? Abgesehen davon, daß das wahrscheinlich nicht möglich wäre, ist Wimsey nicht nur bereit, Harriet das Motiv zu offenbaren, sondern er fordert sie sogar dazu auf, selbst dahinterzukommen.

„‘Surely you know by this time? You must know, Harriet, if you´re giving your mind to the thing at all. Opportunity, means, motive - doesn´t it stand out a mile? For God´s sake, put your prejudices aside and think it out. What´s happened to you that you can´t put two and two together?’"

Für die Beziehung zwischen Harriet und Peter bedeutet dies, daß er sie als gleichgestellten Partner schätzt. Sie wird zwar dadurch nicht auf das Niveau des Superdetektivs gehoben, jedoch zeigt Wimseys Interesse an ihrer Meinung, daß er sich ihr nicht überlegen fühlt. Er weiß, daß sie zur Lösung des Falls fähig ist, wenn sie nicht durch ihre momentanen Vorurteile von der Lösung abgelenkt wäre.
Auch die Aufklärung des Falles wird erst durch Wimseys Kenntnis und Wertschätzung des akademischen Geistes möglich. Er erwartet die Charakterfestigkeit der Dons und rechnet damit, daß ihre Liebe zur Wahrheit sie sich auch über soziale Erwägungen hinwegsetzen läßt.
Wenn er den Mitgliedern des Senior Common Rooms die Lösung des Falles unterbreitet, tut er das auf eine Art, die an einen wissenschaftlichen Vortrag erinnert:

„‘I will first set out the salient points as they presented themselves to me when I came to Oxford last Sunday week, so as to show you the basis upon which I founded my working theory. I will then formulate this theory, and adduce the supporting evidence which I hope and think you will find conclusive.’"

Dies geschieht zum einen, um sich der Sprache der Dons anzupassen, aber noch viel mehr aus der Achtung vor deren Arbeitsweise.
Intellektuelle Integrität ist die Basis, auf der sich Harriet und Peter gegenüberstehen können. Die Art der Beziehung wird durch Bachs Musik ausgedrückt. Intellekt und Leidenschaft, Körper und Geist, Mann und Frau stellen, wie Tokkata und Fuge, in gegenseitiger Abhängigkeit eine Ganzheit dar.

„‘This kind of thing,’ said Peter, as tenor and alto twined themselves in a last companionable cadence, ‘is the body and bones of music. Anybody can have the harmony, if they leave us the counterpoint.’"

Am Tag, nachdem der Fall des Poltergeistes im Shrewsbury College geklärt ist, dankt Harriet Peter nochmals für die Rettung ihres Lebens. Diesmal jedoch, ohne die Bitterkeit zu empfinden, die in der Vergangenheit ihre Dankbarkeit begleitet hatte.
Sie sagt:

„‘If I owe you nothing else, I owe you my self-respect. And I owe you my life-’
‘Ah!’ said he, smiling. ‘But I have given you that back by letting you risk it. That was the last kick that sent my vanity out of doors.’
‘Peter, I did manage to appreciate that. Mayn´t I be grateful for that?’
‘I don´t want gratitude -’
‘But won´t you take it, now that I want to give it to you?’
‘If you feel that way about it, then I have no right to refuse. Let that clear all scores, Harriet. You have given me already far more than you know. You are free now and for ever, as far as I am concerned. You saw yesterday what personal claims might lead to - though I didn´t intend you to see it in quite that brutal way. But if circumstances made me a little more honest than I meant to be, still, I did mean to be honest up to a point.’
‘Yes,’ said Hariet, thoughtfully. ‘I can´t see you burking a fact to support a thesis.’
‘What would be the good? What would I ever have gained by letting you imagine a lie? I set out in a lordly manner to offer you heaven and earth. I find that all I have to give you is Oxford - which was yours already.’"

So ist es nur natürlich, daß die Worte, mit denen der letzte Heiratsantrag gestellt wird und die zu finden Dorothy L. Sayers so lange gebraucht hat, diejenigen sind, mit denen die neuen Master of Arts von den Dons der Colleges als ebenbürtig akzeptiert werden und die zur Abschlußzeremonie des Studiums in Oxford gehören.
Kathleen Gregory Klein stellt hierzu fest:

„Only when she discovers that Peter´s view of marriage does not include possesiveness and the precedence of  personal responsibilities over professional ones, as revealed in the solution of the case, can she agree, finally, to his Latin proposal (...), when he addresses her by her university title."

Wimsey fragt Harriet: „Placetne, magistra?" „Placet." ist ihre Antwort.
 
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