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„In Gaudy Night, dem wohl bedeutendsten und geglücktestem Roman der Sayers, durchwirkt diese Frage als eines der geheimen Grundthemen die ganze Erzählung. Das 17. Kapitel mit seiner ausgedehnten und beinahe Zauberberg-artigen Diskussion über die Kompatibilität von moralischer Verantwortlichkeit und wissenschaftlichen Prinzipien ist hier nicht bloß eine Abschweifung, die das alte Kriminalromanschema verdecken soll, sondern das Zentrum des Romans und der Detektion selbst."
In Detektivromanen gilt es immer, eine gestörte Ordnung wieder herzustellen. Der Mord greift brutal in eine funktionierende Gesellschaft ein und verletzt jegliches Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Dem Detektiv kommt es zu, den Status quo wiederherzustellen. Er vollbringt dies durch sein unerschütterliches Vertrauen in die Wahrheit der Fakten. Dieser Glaube an die Macht der Wahrheit, so stellt Fritz Wölcken fest, macht den Detektivroman zu einem idealen Medium für Dorothy L. Sayers’ Botschaft.
„Ihre Begabung und ihre Ausbildung hätten ihr auch den Weg zu anderen Formen des Schreibens geebnet. Wenn sie diese anscheinend amüsante Gattung der Detektivliteratur vorzog, so hat das seinen Grund darin, daß die Probleme der geistigen Integrität, die diese Autorin in erster Linie beschäftigen, in der von dieser Gattung entwickelten Technik dargestellt werden konnten."
In ihren Romanen zeichnen sich Sayers’ Helden dadurch aus, daß
sie ein außerordentliches Pflichtgefühl besitzen. Lord Peter
Wimsey, der die Kriminalistik als Hobby betreibt, liegen die Konsequenzen
seines Tuns zwar auf dem Gewissen, wenn er zum Beispiel Sir Julian Freke
dem Gesetz übergeben soll. Aber sein Verantwortungsbewußtsein
läßt ihm gar keine andere Wahl. Wimsey betrachtet seine Aufgabe
unter durchaus ästhetischen Gesichtspunkten. Er freut sich über
die Kompliziertheit, mit der ein Verbrechen begangen worden ist, ergötzt
sich an der Ausgefeiltheit eines künstlichen Alibis, bewundert das
Gehirn eines einfallsreichen Verbrechers. Seine Arbeit erfüllt ihn
mit Befriedigung.
Miss Climpson teilt Wimseys Art der Gewissensbisse nicht, denn für
sie ist die Überführung von Verbrechern, dadurch, daß sie
Wimseys Angestellte ist, ihre Profession. Sie teilt jedoch seine Einstellung
zur Perfektion. Sayers hätte ihr durchaus Attribute wie Mitleid oder
Nachgiebigkeit mitgeben können, die zu der Rolle der unverheirateten,
älteren Dame gepaßt hätten. Statt dessen ist sie eine resolute
Frau, die ihren Aufgaben mit dem Blick fürs Detail und Rationalität,
also Professionalität, nachkommt.
Die Professorinnen am Shrewsbury College würden nie auf die Idee
kommen, einen Kompromiß in ihrer Arbeit einzugehen. Denn die Wahrheit
kennt keine Kompromisse. Räumten sie Halbheiten ein Recht auf Existenz
ein, würden sie ihre Daseinsberechtigung verleugnen.
Harriet Vane, die noch emotionalste unter den hier angeführten
Persönlichkeiten, hat, so empfindet sie selbst, in ihrem Gefühlsleben
manchen Fehler gemacht. Aber ihrer Arbeit ist sie treu geblieben. Sie gesteht
zwar ein, auch in ihren Romanen manches Alibi fehlerhaft gestaltet zu haben,
jedoch versucht sie nach bestem Wissen zu handeln. So gestaltet sie, wie
Sayers auch, ihre Romane so wirklichkeitsnah als möglich. Wenn sie
ihre Arbeit so perfekt wie möglich macht, fühlt sie sich Gott
näher:
„‘When you get the thing dead right and know it´s dead right, there´s no excitement like it. It´s marvellous. It makes you feel like God on the Seventh Day - for a bit, anyhow.’"
Für Harriet Vane bedeutet ihre Arbeit Rückhalt in einer Welt,
von der sie nichts Gutes erwartet. Sie ist von ihrem Geliebten verraten
und des Mordes an ihm bezichtigt worden. Sie ist von einem Mann gerettet
worden, den sie unbewußt liebt, dem gegenüber sie sich aber
immer zur Dankbarkeit verpflichtet fühlt. Daraus ergibt sich ein Minderwertigkeitskomplex,
der dadurch verstärkt wird, daß sie durch ihre Mitmenschen immer
wieder an die traurige Episode in ihrem Leben erinnert wird. Sie bekommt
anonyme Briefe. Leute, denen sie vorgestellt wird, erinnern sich zuallererst
daran, daß sie des Mordes angeklagt war. Die Verkaufszahlen ihrer
Bücher sind erst während ihrer Verhandlung in die Höhe geschossen.
Wenn Harriet Bestätigung sucht, findet sie diese am ehesten in ihrer
Arbeit. Sie weiß zwar, daß das Schreiben von Detektivliteratur
in den akademischen Kreisen, zu denen sie sich auch zählt, nicht besonders
geschätzt wird, aber sie weiß auch, daß das die Arbeit
ist, die sie gut kann.
So antwortet sie auf die Frage von Miss Barton, der Schatzmeisterin
des Shrewsbury College, wie sie denn nach ihren persönlichen Erfahrungen
noch Kriminalromane schreiben könne:
„‘I know what you are thinking - that anybody with proper sensitive feeling would rather scrub floors for a living. But I should scrub floors very badly, and I write detective stories rather well. I don´t see why proper feeling should prevent me from doing my proper job.’"
Sicherlich sehnt sie sich auch danach, wieder wissenschaftlich wertvollere
Arbeit zu leisten. Diese Sehnsucht leitet sich aber mehr aus dem Wunsch
nach Geborgenheit ab, einer Geborgenheit, die sie in Oxford zu finden glaubt.
Wenn Harriet versucht, die Charaktere ihrer Romane so realistisch wie möglich
zu gestalten, geschieht das nicht nur aus dem Bedürfnis heraus, ihren
Lesern glaubwürdige Detektivromane zu präsentieren, sondern auch
aus dem persönlichen Verlangen, ihre Arbeit so gut wie möglich
zu machen.
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