Kapitel 5.3 Kapitel 6.1
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6. Der Wert der Arbeit und intellektuelle Integrität

Für Dorothy L. Sayers haben die Begriffe value of work und intellectual integrity eine tiefe Bedeutung. Sie sind der Maßstab, an dem sie ihre Werke und ihr Leben mißt. Für sie hat die Liebe zu der eigenen Arbeit eine christliche Tragweite.  Das geht sowohl aus ihren Romanen als auch aus ihren Essays hervor.
In Gaudy Night kann Sayers zum ersten Mal ihr wahres Anliegen in Worte fassen. In ihren vorangegangenen Romanen hatte sie bereits andeutungsweise auf dieses Thema abgezielt, es aber nie erreicht, die Substanz, die Integrität für sie hatte, so zu verdeutlichen wie in Gaudy Night. Sie bekennt in ihrem Essay „Gaudy Night":

„By choosing a plot that should exhibit intellectual integrity as the one great permanent value in an emotionally unstable world I should be saying the thing that, in a confused way, I had been wanting to say all my life."

Beim Schreiben von Gaudy Night muß Dorothy L. Sayers bewußt geworden sein, wieviel ihr dieses Thema bedeutet. Denn in ihren nachfolgenden nicht-kriminalistischen Werken ist das Thema der Kreativität, des Wertes der Arbeit und der intellektuellen Integrität dominierend.
In „Are Women Human?" betont sie, daß für die Wertstellung der Frau die von ihr geleistete Arbeit entscheidend ist. Eine Frau sollte an der Arbeit gemessen werden, die sie leistet, und es sollte ihr die Möglichkeit eingeräumt werden, der Arbeit nachzukommen, zu der sie befähigt ist.
In dem Postskript „The Worth of Work", welches The Mind of The Maker angehängt ist, betont Sayers den Wert der Arbeit für das mentale Gleichgewicht des Individuums.  Arbeit ist für Sayers ein zentraler Lebenszweck. Ohne die richtige Aufgabe im Leben kann das Individuum nicht glücklich werden. Sayers verlangt von Parteien, Gewerkschaften und nicht zuletzt der Kirche, den Menschen ihre Arbeit wieder näherzubringen, ihnen die Schönheit gut getaner Arbeit wieder begreiflich zu machen.
Diese Arbeit muß nicht ein Beruf, eine Profession sein, auch wenn Sayers hier ihren Schwerpunkt setzt. Es kann auch sein, daß eine Person eine andere zur Aufgabe nimmt.  So sieht Sayers die Ehe. Allerdings darf es nicht so sein, daß automatisch der Frau diese Rolle zukommt. Wird das Streben eines Menschen unterdrückt, kann es für diesen nur im Chaos enden. So sind die Täter in Sayers’ Romanen häufig Menschen, die ihre Berufung entweder durch äußere Einflüsse oder durch eigene Verblendung verraten haben.
Kenney schreibt über die Verbrecher bei Sayers:

„The relationship between this novel´s villain and hero is prototypical for [Dorothy L. Sayers]: in the world of her creation good people do good work, while subverting one´s work or occupation is an unfailing index of moral corruption."

Dorothy L. Sayers’ Mörder zeichnen sich nicht nur durch ihre Geringschätzung von menschlichem Leben, sondern auch durch Respektlosigkeit gegen ihre Arbeit aus. So verrät in sechs der sieben Bücher von Sayers, in denen ein Mord begangen wird, die Vorgehensweise des Mörders dessen Beruf.
Dawson Gaillard erklärt den Zusammenhang zwischen Sayers’ Helden und Schurken und dem Begriff der Kreativität so:

„By misusing their work, Sayers´s criminals sin against God. They disrupt the divine pattern of creative energy, at least temporarily. Although evil cannot be abolished it can be redeemed by creative power. To Sayers, creativity meant synthesis, making something new out of the materials that one has. One does not destroy in order to create, one assimilates the old with the new."

So werden Sayers’ Protagonisten zu Kreuzrittern, deren Aufgabe es ist, den heiligen Gral der Kreativität wieder in den menschlichen Alltag zurückzubringen. Kreativität ist die Eigenschaft, die der Mensch mit Gott teilt. Sayers vermißt eine ausdrückliche Stellungnahme der Kirche zum Wert der Arbeit, meint aber, daß es eine christliche Lehre der Arbeit gibt. Diese verbinde „die Lehre von der Schöpferkraft Gottes mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen".
Sayers sagt weiter:

„Wenn der Mensch nur dadurch die Bestimmung seiner Natur erfüllt, daß seine gottebenbildliche Kreativität zu vollem Ausdruck gelangt, dann brauchen wir dringend eine christliche Lehre von der Arbeit, die nicht nur für ordentliche Arbeitsbedingungen Sorge trägt, sondern auch dafür, daß die Arbeit so ist, daß der Mensch sie mit ganzem Herzen und um ihrer selbst willen tun kann."

Die Arbeit stelle Erfüllung dar. Am ehesten könnten Künstler, Wissenschaftler, Handwerker oder auch Mütter diese Erfüllung erreichen. Denn sie haben die Möglichkeit, ihr Produkt selbst zu gestalten und bis zur Vollendung zu begleiten. Ein gesellschaftliches Problem sieht Sayers für die Fabrikarbeiter. Diese sähen nur einen Teil ihrer Arbeit, machten immer wieder die selben Handbewegungen und könnten sich dadurch nicht mit dem Endprodukt identifizieren. Sie arbeiteten nur für den Lebensunterhalt. Dadurch gehe ihnen, so Sayers, ein Stück Lebensqualität verloren.
Dorothy L. Sayers sieht also die Zukunft der Menschheit in der Kreativität. Sie glaubt, daß nach dem theologischen Menschen der Vorrenaissance, dem humanistischen Menschen der Renaissance, dem rationalen Menschen des 18. Jahrhunderts, dem biologischen Menschen Darwins, dem soziologischen, dem psychologischen, dem ökonomischen Menschen des 20. Jahrhunderts der kreative Mensch folgen muß. Die Menschheit befinde sich in einer Phase, in der nur das Streben nach Gewinn zähle. Das Individuum definiere sich durch seinen ökonomischen Erfolg. Dadurch verliere es sich in der Betrachtung eines Details seiner Ganzheit und büße seine Würde ein.
In Sayers’ späteren Werken, nachdem sie sich ganz von der Detektivliteratur abgewendet hatte, wird das Thema des Wertes der Arbeit für die Würde des Menschen zu einem ständigen Inhalt. In The Zeal of Thy House  (1937), einem Drama, das sie für ein Festival der Friends of Canterbury Cathedral geschrieben hat und das auch in der Kathedrale von Canterbury uraufgeführt wurde, behandelt Sayers die Geschichte von William of Sens, einem Architekten, der im 12. Jahrhundert am Wiederaufbau eines Teils der Kathedrale beteiligt war. Sayers stellt ihn als nicht sehr tugendhaften Menschen dar, der aber als Architekt überaus kompetent ist. So wählt der Abt ihn auch trotz seiner moralischen Makel. Sayers glaubt, daß schlecht getane Arbeit nicht dadurch besser wird, daß sie ein Christ getan hat.  Der Arbeiter definiert sich durch die Arbeit, die er geleistet hat, der Mensch durch seine Kreativität.
 
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