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5.2 Wimsey als Akademiker
Wenn Lord Peter Wimsey endlich in Oxford erscheint, unerwartet, denn
er wird in Warschau vermutet - erlebt Harriet ihre größte Überraschung.
Sie begegnet ihm in Begleitung des Masters of Balliol, ausgestattet mit
allen äußerlichen Insignien eines Oxfordabsolventen. Er
ist in eine geschichtliche Diskussion verstrickt, in der er als gleichberechtigter
Partner mit Sachverstand ausgestattet akzeptiert wird. Auch die Dekanin
vom Shrewsbury College, mit der Harriet die Universitätsandacht besucht
hatte, ist nicht im geringsten von Lord Peters akademischer Seite überrascht.
Harriet schämt sich fast ihrer Ignoranz Wimsey gegenüber, den
sie offenbar bisher nur oberflächlich eingeschätzt hat.
Auch dem Leser ist dieser Wimsey neu, der sich wie selbstverständlich
zwischen Gelehrten bewegen kann, weil er zu ihnen gehört. Natürlich
wußte man bereits aus vorangegangenen Büchern, daß Wimsey
studiert hat und vielseitig gebildet ist. Aber als Akademiker war er bisher
nicht in Erscheinung getreten.
Bei ihrem ersten alleinigen Treffen im Zimmer der Dekanin erleben wir
Wimsey erschöpft von seinen diplomatischen Aufgaben. Wie wir bereits
zuvor erfahren haben, war er in Italien. Dort wurde er von einem
nicht näher bezeichnetem Count als Verhandlungspartner gesucht, von
dem er in einer Unterhaltung mehr Informationen bekam als dieser sich bewußt
war zu geben. Wimsey übte sich also in einer Agententätigkeit.
Bei ihrer Begegnung spielt er seine diplomatische Aufgabe jedoch in gewohnter
Manier herunter. Er gesteht allerdings ein, daß es sein Auftrag sei,
durch seine unterhaltsame Art der Konversation „geradezubiegen", was andere
verdorben hatten. Deutlich wird zudem, daß Wimsey um die Entwicklung
Europas besorgt ist. Er befürchtet, daß es zu einem neuen Krieg
kommt.
Wenn sie sich treffen, tragen beide noch immer die äußerlichen
Merkmale ihrer Gelehrtenwürde, nämlich die Kappe und den Umhang.
Bei ihrer Unterhaltung legen sie diese natürlich ab. Bei seinem überhasteten
Aufbruch verwechselt Peter seinen Umhang mit Harriets. Harriet sagt zu
sich selbst:
„‘Bless the man, if he hasn´t taken my gown instead of his
own! Oh, well it doesn´t matter. We´re much of a height and
mine´s pretty wide on the shoulders, so it´s exactly the same
thing.’
And then it struck her as strange that it should be the same thing."
Deutlich spielt Sayers hier auf die intellektuelle Ebenbürtigkeit
der beiden Protagonisten an. Für Harriet ist diese Vorstellung noch
neu.
In der Person des Pförtners Padgett begegnet Peter einem Bekannten
aus dem vorangegangen Krieg. Er erkennt Wimsey, als dieser nach einem Dinner
von Harriet zum Tor begleitet wird. Padgett gehörte zu der Einheit
des Major Wimsey, und war einer der Männer, die Peter befreiten, als
dieser bei einem Angriff lebendig begraben wurde. Padgett verehrt Wimsey
sehr. Er erzählt sogar, daß er sich einmal für ihn geschlagen
habe, als ein anderer Soldat Wimsey hinter dessen Rücken beleidigt
hatte.
Bei einer Bootsfahrt zu zweit erkennen Harriet und Peter neue Gemeinsamkeiten.
Beide heben sich deutlich von den Studenten ab, die sich ebenfalls auf
dem Fluß die Zeit vertreiben. Erstens sind sie viel konservativer
gekleidet - Harriet natürlich nicht im Badeanzug, sondern in weißem
Leinen, Peter wählt traditionelle, der Vorkriegsmode entsprechende
Kleidung statt moderner Shorts. Außerdem messen sich beide in der
Kunst des Stakens und strafen die studentischen Neulinge mit Verachtung.
Sie begegnen dabei einem Schulfreund Wimseys, Mr. Peake, der eine Anekdote
zum Besten gibt. Er erzählt, wie zu ihren gemeinsamen Studientagen
Wimsey von den Kommilitonen als Sehenswürdigkeit vorgeführt wurde.
„‘You know,’ said Mr. Peake to the world at large, ‘when we were
up together - shocking long time ago that is - never mind! If anyone got
landed with a country cousin or an American visitor who asked, as these
people will, "What is this thing called the Oxford manner?" we used to
take ´em round and show ´em Wimsey of Balliol. He fitted in
very handily between St. John´s Gardens and the Martyr´s Memorial.’
‘But suppose he wasn´t there, or wouldn´t perform?’
‘That catastrophe never occured. One never failed to find Wimsey
of Balliol planted in the centre of the quad and laying down the law with
exquisite insolence to somebody.’
Wimsey put his head between his hands.
‘We were accustomed to lay bets,’ went on Mr. Peake, who seemed
to have preserved an undergraduate taste in humour, owing, no doubt, to
continuous contact with First-Year mentality, ‘upon what they would say
about him afterwards. The Americans mostly said, "My, but isn´t he
just the perfect English aristocrat!" but some of them said, "Does he need
that glass in his eye or is it just part of the costoom ?"’
Harriet laughed, thinking of Miss Schuster-Slatt.
‘My dear -’ said Mrs. Peake, who seemed to have a kindly nature.
‘The country cousins,’ said Mr. Peake remorselessly, ‘invariably
became speechless and had to be revived with coffee and ices at Buol´s.’
‘Don´t mind me,’ said Peter, whose face was invisible except
for the tip of a crimson ear."
Der arme Wimsey wird hier der Lächerlichkeit preisgegeben, ausnahmsweise
ohne daß er aus eigenem Antrieb in die Rolle des buffoons
schlüpft, und das ausgerechnet in der Gegenwart der Frau, die er liebt.
So bröckelt wieder etwas vom Podest des Superhelden. Sayers arbeitet
hart an der Imageveränderung Wimseys. Er ist nicht makellos, er hat
eine Jugend gehabt, in der ihn andere vorgeführt haben und es ist
ihm heute peinlich, daran erinnert zu werden.
Harriet wird dieser menschlichere Wimsey viel zugänglicher und
sympathischer. Als sie ihn etwas später, während er ihre Aufzeichnungen
über den Fall studiert, beobachtet, fallen ihr viele Kleinigkeiten
auf, die nur einem verliebten Menschen auffallen: die kleinen Lachfältchen,
die goldenen Härchen auf den Wangen, der kleine zuckende Muskel in
der Ecke des sensiblen Mundes. Wimsey blickt auf, und Harriet errötet.
Nun erst wird ihr klar, was sie im tiefsten Inneren schon wußte,
was sie sich aber bisher nicht einzugestehen gewagt hatte: Sie liebt Wimsey.
Als der erschöpfte Peter im Boot einschläft und vor ihr in seiner
ganzen Verletzlichkeit und Angreifbarkeit liegt, wird der Schlaf zum Test
für Harriets Gefühle. Empfindet sie ihn, in der Öffentlichkeit
schlafend, als lächerlich? Nein, sie will seinen Schlaf beschützen,
erbost sich, als sie von einem anderen Boot gerammt werden und Peter dadurch
geweckt wird. Ohne sein Zutun hat Peter etwas von seiner Privatsphäre
eingebüßt. Harriet entdeckt die neue Intimität und will
etwas weiter in ihn dringen, etwas über seine Liebe zur Literatur
erfahren, seine Vorlieben für bestimmte Bücher. Peter jedoch
blockt ihre Fragen ab und sie muß feststellen, daß sie an die
Grenzen seiner Bereitschaft gestoßen ist, etwas über sich preiszugeben.
Lord Peter Wimsey wird auch als Objekt der körperlichen Begierde
Harriets dargestellt:
„[Harriet] had first met Peter at a moment when every physical feeling had been battered out of her by the brutality of circumstance; by this accident she had been aware of him from the beginning as a mind and spirit localised in a body. Never- not even in those later dizzying moments on the river - had she considered him primarily as a male animal, or calculated the promise implicit in the veiled eyes, the long, flexible mouth, the curiously vital hands. Nor, since of her he had always asked and never demanded, had she felt in him any domination but that of the intellect. But now, as he advanced towards her along the flower-bordered path, she saw him with new eyes - the eyes of the women who had seen him before they knew him - saw him, as they saw him, dynamically. Miss Hillyard, Miss Edwards, Miss de Vine, the Dean even, each in her own way had recognised the same thing: six centuries of possessiveness, fastened under the yoke of urbanity."
Hier beginnt auch Harriets Sexualität eine Rolle in ihrem Auftreten
gegenüber Wimsey zu übernehmen. Bereits in Strong Poison
verkündet Peter, daß er Referenzen über seine Liebestechnik
vorweisen könne, und in Busman´s Honeymoon wird
nach der Hochzeitsnacht angedeutet, daß Harriet Peter verdächtigt,
am ersten Morgen ihrer Ehe nicht zu wissen, wer mit ihm im Bett liegt.
Das große Thema von Gaudy Night heißt jedoch intellektuelle
Integrität. Als Dorothy L. Sayers sich mit dem Gedanken getragen hatte,
einen Oxford-Roman zu schreiben, hatte sie sich gefragt, was das Wichtigste
sei, das man einer universitären Ausbildung zu verdanken habe.
Sie kommt zu dem Schluß, daß es die intellektuelle Integrität
ist, die gleichzeitig die Grundlage für jedwede Wissenschaft bildet.
Die Möglichkeit, dieses Thema in einer Detektivgeschichte unterzubringen,
war für Sayers die Gelegenheit, endlich ihre persönliche Wahrheit
zu verkünden. Außerdem beinhaltet dieses Thema die Lösung
der Probleme, die sie mit der Beziehung ihrer Romancharaktere hatte.
„Allein auf der intellektuellen Plattform," so Sayers, „können Harriet und Peter gleichberechtigt sein."
Um auch der Detektivgeschichte Plausibilität verleihen zu können, mußte das Motiv die Überlegenheit des Intellekts über die Emotionen betonen.
„(...) it was necessary for my theme that the malice should be the
product, not of intellect starved of emotion, but of emotion uncontrolled
by intellect. And to knit the plot tight it must be more than this: it
must be emotion revenging itself upon the intellect for some injury wrought
by the intellect upon the emotions."
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