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5.1 Harriet Vane als Medium zur Darstellung Wimseys
Gaudy Night beginnt, kurz bevor die ersten Fälle dieser
Art auftreten. Harriet ist zur Shrewsbury Gaudy anläßlich der
Enthüllung einer neuen Uhr eingeladen. Harriet, die seit ihrer Schulzeit
nicht mehr in Oxford gewesen ist, kommt der Einladung widerstrebend, einer
alten Freundin zuliebe, nach. Bereits während der Feierlichkeiten
werden die Themen des Buches vorgestellt. Das erste Thema ist das wissenschaftliche
Streben nach Wahrheit. Ein weiteres Thema ist das Finden einer Lebensaufgabe,
was von Dorothy L. Sayers mit job oder work gleichgesetzt
wird. Das dritte Thema ist die Frage, inwiefern sich Intellekt und Emotionen
miteinander vereinbaren lassen und ob in einer zwischenmenschlichen Beziehung
nicht einer der Partner auf seine intellektuelle Selbstverwirklichung verzichten
muß. Diese Gedanken greift Harriet, nachdem sie nach London zurückgekehrt
ist, in einem Gespräch mit Lord Peter Wimsey wieder auf. Harriet glaubt,
daß man sich zwischen Intellekt und Emotionen entscheiden muß,
Peter hält einen Kompromiß für möglich.
Lord Peter Wimsey ist in weiten Teilen von Gaudy Night eine
Randfigur. Anfangs erfahren wir nur, daß er sich viel außer
Landes aufhält, während eines Falles verletzt worden ist und
natürlich, daß er in regelmäßigen Abständen
um Harriets Hand anhält. Das gibt Dorothy L. Sayers die Gelegenheit,
erstens Harriets Situation ausführlich darzustellen, zweitens Lord
Peter zu zeigen, wie Harriet ihn sieht, und drittens Lord Peter zu beschreiben,
wie ihn Dritte Harriet gegenüber schildern.
Da Harriet die emotionale Seite in Sayers’ Romanen verkörpert,
erfahren wir durch sie mehr über den Menschen Lord Peter Wimsey. Sein
Erscheinungsbild beginnt immer mehr einem realen Menschen zu ähneln.
Kenney schreibt hierzu:
„[Wimsey´s] portrayal since Have His Carcase had been increasingly subtle, primarily because Sayers had begun to scrutinize him through Vane´s eyes. This shift makes the later novels at once more intimate and more realistic, for Vane´s proximity to Wimsey and her confused interest in him moves readers closer to this once distant and larger-than-life-hero. Wimsey´s unsuccessful attempts to woo Vane also humble the former superman, who has been used to getting whatever he wants."
So lesen wir zum Beispiel über Peters Verhältnis zu seinem
Neffen Viscount Saint-George, der als junger Student gerade in Oxford lebt.
Harriet begegnet diesem, als sie eines Morgens aus der Kirche kommt, in
der sie Ruhe gesucht hatte. Die Stille in der Kirche kontrastiert die Lebhaftigkeit
Gerald Wimseys, der Harriet erst umrennt und dann mit einem, auch für
seinen Onkel Peter so typischen Redeschwall auf sie eindringt. Durch Gerald
erfährt Harriet von Peters angespanntem Verhältnis zu seiner
Schwägerin, seiner Abneigung gegen die Möglichkeit, den Titel
seines Bruders übernehmen zu müssen, seiner Gutmütigkeit
gegenüber seinem Neffen und schließlich von einer vergangenen
Liaison mit einer Wiener Sängerin.
Für diesen Neffen übernimmt Harriet später einen Teil
seiner Korrespondenz, da er sich bei einem Autounfall verletzt hat und
nicht schreiben kann. In einem vorangegangenen Brief an Peter hatte Saint
George seinen Onkel um Geld gebeten, um überfällige Schulden
begleichen zu können. Harriet liest dem jungen Wimsey die Antwort
auf seine Bitte vor. Peter zeigt sich in seinem Antwortbrief großzügig,
aber auch patronisierend. Der Brief repräsentiert für Harriet
alles, was sie an Peter verabscheut. Aber gleichzeitig verändert er
ihre Position zu Wimsey. Denn sie erfährt Sachen über ihn, die
seine Privatsphäre betreffen, und erstmals fühlt sie sich ihm
überlegen.
„In fact, for the first time in their acquaintance, she had the upperhand of Wimsey, and could rub his aristocratic nose in the dirt if she wanted to. Since she had been looking for such an oppurtunity for five years, it would be odd if she did not hasten to take advantage of it."
Aber letztendlich ist sie doch eher auf seine Gefühle und sein
Ehrempfinden bedacht und bemüht sich, einen passenden Antwortbrief
zu verfassen.
Eine weitere Quelle der Information, sowohl für Harriet als auch
für den Leser, ist ein alter Freund Peters, Freddy Arbuthnot, dem
sie während der Semesterferien in London begegnet. Von ihm erfahren
wir, daß Wimsey gelegentlich für das Foreign Office in diplomatischer
Mission tätig ist. Das wird allerdings bereits zuvor angedeutet,
wenn wir Lord Peter beim Lesen eines Briefes von Harriet beobachten können.
Dorothy L. Sayers macht sich also die Abwesenheit Wimseys zu nutze,
um Harriet einen Wimsey erfahren zu lassen, den weder sie noch der Leser
zuvor kannten.
Margaret P. Hannay beschreibt diese Technik:
„By her skilful use of Harriet´s perspective Sayers lulls the
readers into thinking there is a good reason for them not to have seen
this side of Peter before. The truth is, of course, that these weaknesses
did not exist before this novel, but they have been skilfully projected
back into the past."
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