Kapitel 4.2 Kapitel 5.1
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5. Die Metamorphose des Lord Peter Wimsey
 

Einen Helden durch eine Reihe von Büchern zu tragen, birgt die Gefahr in sich, daß dieser an Originalität verliert.  Seine Tricks sind begrenzt, seine Art, sich zu verhalten, verändert sich nicht. Immer mehr Charaktere kommen in weiteren Bänden dazu und verhindern, daß der Held im Mittelpunkt steht. Auch Wimsey muß erfahren, daß nicht immer er den Hauptteil eines Romans bestreiten kann. So sind Miss Climpson in Unnatural Death und Harriet Vane in Have His Carcase und Gaudy Night die zentralen Charaktere. Harriet Vane stellt nicht nur eine Figur in einem Detektivroman dar, sie ist viel mehr - wie im vorigen Abschnitt ausführlich dargestellt - die Personifikation der modernen Frau, wie Dorothy L. Sayers sie sich wünscht. Sie steht im Leben, ist selbstbewußt, weiß, daß sie gute Arbeit leistet und ist stolz auf ihren Collegeabschluß.
Um diese Frau mit der Romangestalt Lord Peter Wimsey zu verheiraten, sah sich Dorothy L. Sayers gezwungen, diesen völlig  neu zu schaffen. Sie schreibt in ihrem Essay „Gaudy Night" über das Problem, das sich ihr am Ende von Strong Poison stellte, nämlich daß es ihr unmöglich war, eine akzeptable Lösung zu finden, wie Harriet Peters Heiratsantrag annehmen könnte, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

„So there were only two things to do: one was to leave the thing there, with the problem unsolved; the other, far more delicate and dangerous, was to take Peter away and perform a major operation on him. If the story was to go on, Peter had got to become a complete human being, with a past, a future, with a consistent family and social history, with a complicated psychology and even the rudiments of a religious outlook. And all this would have to be squared somehow or other with such random attributes as I had bestowed upon him over a series of years in accordance with the requirements of various detective plots."

Um diese Aufgabe zu erfüllen, erwies es sich als glücklicher Umstand, daß Lord Peter Wimsey von vornherein mit einer Reihe von Charakterzügen sowie Familie und Lebenslauf ausgestattet war.
Dorothy L. Sayers sagt über ihren „Patienten":

„When I came to examine the patient, he showed the embryonic buds of a character of sorts. Even at the beginning he had not been the complete silly ass: he had only played the silly ass, which was not the same thing. He had had shell-shock and a vaguely embittered love-affair; he had a mother and a friend and a sketchy sort of brother and sister; he had literary and musical tastes, and a few well-defined opinions and feelings; and a little tidying-up of dates and places would put his worldly affairs into order."

Auf dieser Basis galt es nun aufzubauen. In Whose Body? erfahren wir bereits von Wimseys Wohlstand, Bildung, Hobbys. Wir erfahren von seinem traumatischen Erlebnis im Krieg und dessen Folgen. Wir wissen, daß er gern den Dummkopf spielt, um harmloser zu wirken. Wir erleben seine Gewissensbisse, wenn er für die Verurteilung der Täter sorgen muß. Damit ist bereits ein Grundstock geschaffen, der größer ist als bei den meisten Helden der Detektivliteratur.
In Strong Poison erleben wir Wimsey verliebt, verzweifelt, mit Selbstmordgedanken, mit der Angst, sich zu verändern.
In der Entwicklung der Beziehung zwischen Peter und Harriet verändert sich während Have His Carcase nichts grundlegendes. Allerdings behandelt Wimsey Harriet als gleichberechtigte Partnerin, wenn auch die Aufklärung des Falles letztendlich ihm zufällt. Interessant ist auch, daß große Teile des Romans aus Harriets Sicht beschrieben werden. Dadurch erlebt der Leser Wimsey aus einer veränderten Perspektive.
Gaudy Night soll nun das Werk sein, in dem es gelingt, aus Lord Peter Wimsey, dem Helden, Lord Peter Wimsey, den Menschen, zu machen und eine Basis zu finden, auf der Harriet und Peter eine gemeinsame Beziehung eingehen können. Die emotionale Position, in der sich Harriet und Peter am Anfang von Gaudy Night befinden, ist dieselbe wie am Ende von Strong Poison. Nicolas Freeling definiert diese so:

„Harriet thinks of herself as damaged goods; she must not abuse generous instincts, must not palm off this devalued woman upon a rich and infatuated admirer. She asks for friendship, and Wimsey, unexpectedly human, lonely, with nothing in his existence but vanity and pretension, persists in asking for love. This uneasy and real dilemma is the position in the opening pages of Gaudy Night."

Die zentrale Figur in Gaudy Night ist Harriet Vane. Ihr ehemaliges College, das fiktive Shrewsbury College in Oxford, wird von mutwilligen Zerstörungen und anonymen, beleidigenden Briefen heimgesucht. Das aufzuklärende Verbrechen ist also keiner der spektakulären Morde, die den Lord-Peter-Wimsey-Abenteuern unter anderem von George Orwell unterstellt wurden.  Sayers wollte durch die Wahl eines weniger blutigen Verbrechens sichern, daß die Handlung sich ausschließlich im Rahmen des Colleges bewegen kann, ohne daß die Polzei hinzugezogen werden muß oder daß der Fall zu viel Publizität erhält. Das Verbrechen muß so gestaltet sein, daß die Angehörigen des Colleges ein besonderes Interesse daran haben, es aufzuklären. Verleumdung durch anonyme Briefe, Sachbeschädigung durch einen „Poltergeist" und Wandschmierereien scheinen nicht nur glaubwürdig, sondern setzen auch alle Personen gleichmäßig einem Verdachtsmoment aus.
 
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