| Kapitel 4.0 | Kapitel 5 |
| Inhaltsvereichnis | Literaturverzeichnis |
| Startseite | Webmaster@dalock.de |
4.2 Dorothy L. Sayers und Feminismus
Feminismus spielt für Sayers eine eher untergeordnete Rolle. Sie
begrüßt, daß Frauen endlich dieselben Bildungsmöglichkeiten
haben wie Männer, verurteilt aber die Art des Feminismus, der fordere,
daß Frauen sich wie Männer benehmen, nur aus dem Grund, weil
Männer sich so benehmen. Sie möchte, daß Frauen sich so
verhalten können, wie es ihrer Individualität entspricht. Frauen
sollen nicht studieren, weil Männer studieren, sondern weil sie den
Drang nach Wissen haben.
Deshalb sind die weiblichen Sympathieträger in ihren Romanen Frauen,
die ihre Unabhängigkeit schätzen und ihre Rolle in der Gesellschaft
nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen. So kommt es gar nicht darauf
an, um welche Rolle es sich dabei handelt. Nur müssen sich die Frauen
diese selbst gewählt haben. Für Sayers hat der Feminismus die
Aufgabe, der einzelnen Frau als Individuum die gleiche Chance zu sichern
wie jedem anderen Menschen. Das heißt, daß eine Bevorzugung
nur unabhängig vom jeweiligen Geschlecht, ausschließlich aufgrund
der Ausbildung, Erfahrung oder körperlichen Befähigung stattfinden
darf. Die Qualifikation der individuellen Person ist entscheidend.
So schreibt Sayers in ihrem Essay „Are Women Human?":
„‘What,’ men have asked distractedly from the beginning of time,
’what on earth do women want?’ I do not know that women, as women, want
anything in particular, but as human beings they want, my good men, exactly
what you want yourselves: interesting occupation, reasonable freedom for
their pleasures, and a sufficient emotional outlet. What form the occupation,
the pleasure and the the emotion may take, depends entirely on the individual."
4.2.1 Harriet Vane, Lord Peter Wimsey und die Emanzipation
Auch für Harriet Vane stellt sich in ihrer persönlichen Entwicklung die Frage, inwiefern sie der Rolle als Frau, die ihr von der Gesellschaft auferlegt worden ist, oder ihren eigenen Interessen, ihrer Karriere entsprechen soll. Sayers stellt fest:
„Now, it is frequently asserted that, with women, the job does not come first. What (people cry) are women doing with this liberty of theirs? What woman really prefers a job to a home and family? Very few, I admit. It is unfortunate that they should so often have to make the choice. A man does not, as a rule, have to choose. He gets both. In fact, if he wants a family, he usually has to take the job as well, if he can get it."
Harriet Vane glaubt, daß für sie der für Männer
selbstverständliche Automatismus nicht besteht. Sie muß sich
entscheiden, ob sie den Job oder den Mann nimmt, Intellekt oder Emotion.
Dorothy L. Sayers beschäftigt sich bereits in ihren ersten Romanen
mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Zum Schwerpunktthema wird Emanzipation
aber erst durch das Auftreten von Harriet Vane. Catherine Kenney schreibt
zu diesem Thema:
„One of the more interesting questions implied in her early novels, namely, whether a woman can lay claim to a fully human life that includes work as well as love, pleasure as well as duty without being considered a freak, a monster, or a rebel, is finally answered in the Harriet Vane books. In fact, these four novels focus upon one woman´s struggle to integrate the essential human experiences of love, work, and play into one life."
Harriet Vane ist am Anfang von Gaudy Night in einem Zustand der Unentschlossenheit. Sie fühlt sich zwischen Intellekt und Emotion zerrissen, ein Konflikt, der ihre Rolle charakterisiert. Sie sucht nach einem ruhenden Pol und ist unentschlossen, ob sie diesen auf emotionaler Ebene, bei Wimsey suchen soll, oder aber auf rationaler Ebene, in ihrer Arbeit. Harriet findet ihre Selbstbestätigung in ihrer Arbeit. Hier ist sie sich immer treu geblieben, hat sich von äußeren Umständen nicht ablenken lassen.
„Was there anything at all that had stood firm in the midst of her
indecisions?
Well, yes; she had stuck to her work - and that in the face of what
might have seemed over-whelming reasons for abandoning it and doing something
different."
Harriet trifft während der Gaudy, einer Wiedersehensfeier, eine Frau, die zu ihrer Collegezeit eine brillante Studentin gewesen war, dann aber einen Farmer geheiratet hat. Diese Frau, Catherine Bendick, geborene Freemantle, ist verbraucht und wirkt auf Harriet verschwendet. Zwischen den beiden entbrennt eine Diskussion über den Wert der Arbeit. Catherine Bendick empfindet den Unterschied zwischen sich selbst, die einer produktiven Arbeit, der Versorgung der Farm und Erziehung ihrer Kinder, nachgeht und den ehemaligen Kommilitoninnen, die auf die eine oder andere Art ihrer akademischen Laufbahn entsprechen, als unangenehm. Sie hält die Arbeit der anderen ehemaligen Studentinnen für Schaumschlägerei. Harriet drückt ihre Bewunderung gegenüber Catherine Bendick bezüglich ihrer Arbeitsleistung aus, hält die Grundeinstellung jedoch für falsch.
„‘Look here! I admire you like hell, but I believe you´re all wrong. I´m sure one should do one´s own job, however trivial, and not persuade one´s self into doing somebody else´s, however noble.’"
Aus diesem Gespräch resultieren Harriets spätere Überlegungen,
ob eine Symbiose zwischen Emotionen und Intellekt möglich ist und
ob bei einer Beziehung zwischen Mann und Frau nicht immer eines von beiden
nachgeben muß. Catherine Bendick dient als Beispiel für die
zahlreichen Frauen, die auch noch in der Zeit nach dem Weltkrieg in das
alte Verhaltensmuster verfallen sind, in den „Job" ihres Partners einzuheiraten
oder ihre Karriere ganz der Familie zu opfern.
Wenn Wimsey Harriet in Strong Poison seinen Heiratsantrag macht,
begrüßt er ihre Bildung und schätzt ihre Arbeit. Wimsey
wünscht sich eine intelligente Frau mit eigener Meinung, mit der er
auch reden kann. Er braucht keine häusliche Frau, die kochen und nähen
kann und sich um die Kinder kümmert. Wimsey sehnt sich nach einer
Partnerin, die ihm ebenbürtig ist. Er freut sich auf gemeinsame Unterhaltungen,
den Austausch über Literatur, Kunst und Politik. Er hofft, so der
Langeweile zu entgehen. Wimsey nimmt an, daß auch er für Harriet
ein gleichwertiger Partner sein kann, denn er will ihre Arbeit durch seine
Erfahrungen fördern. Dadurch unterscheidet sich Wimsey von Boyes.
Dieser hatte Ergebenheit von Harriet gefordert, die sie ihm, solange er
zu seinen Prinzipien stand, auch geben konnte.
Auch in Gaudy Night zeigt sich Wimseys für damalige Zeiten
tolerante und fortschrittliche Einstellung zur Gleichberechtigung der Frau.
Danach gefragt, wie er über die höhere Bildung von Frauen an
den Universitäten denkt, antwortet er:
„‘You should not imply that I have any right either to approve or disapprove.’"
Lord Peter Wimsey wird so zum männlichen Mitstreiter für die
Emanzipation der Frau.
4.2.2 Intellektuelle Integrität als Basis für Gleichberechtigung
Die Dons am Shrewsbury College zeichnen sich durch ihre Integrität aus. Es handelt sich um verständnisvolle Frauen, die den Problemen ihrer Mitmenschen gegenüber aufgeschlossen sind, aber ihr oberstes Ziel ist die Wahrheit. So sind sie bereit, für die Familie ihres unehrenhaften Pförtners zu sorgen, prangern aber Fehler und Nachlässigkeit in den Arbeiten ihrer Kollegen unbarmherzig an. Personifiziert wird dieses durch Miss de Vine, ehemals Dekanin eines Colleges.
„As the Head of a woman´s college she must, thought Harriet, have had a distasteful task; for she looked as though the word ‘compromise’ had been omitted from her vocabulary; and all statesmanship is compromise. She would not be likely to tolerate any waverings of purpose or wooliness of judgement. If anything came between her and the service of truth, she would walk over it without rancour and without pity - even if it were her own reputation."
Das höchste zu erstrebende Gut ist intellektuelle Integrität.
Diese Wertvorstellung wird auch für die Beziehung zwischen Harriet
und Peter gegen Ende von Gaudy Night von Bedeutung sein.
Durch die Darstellung der verschiedenartigen Frauen am Shrewsbury College,
die alle verschiedene Ansichten über ihre Rolle in der Gesellschaft
haben, betont Dorothy L. Sayers ihren Standpunkt, daß „Frau sein"
für jede Frau eine individuelle Bedeutung hat. Diese Erfahrung muß
auch Harriet erst noch machen. Sie muß ihre eigenen Qualitäten
erkennen und ihre eigenen Sehnsüchte leben.
In Gaudy Night werden die Punkte zusammengefaßt, die für
Dorothy L. Sayers im Zusammenhang mit Frauen am meisten Bedeutung zu haben
scheinen:
„Harriet Vane´s search for a relationship based upon equality,
honesty, and mutual respect is the compelling story of achieving a precarious,
hard-won balance between opposing forces that goes beyond the simple solution
of a detective story. And it is the story that Dorothy L. Sayers was born
to write."
| Kapitel 4.1 | Kapitel 5 |
| Inhaltsvereichnis | Literaturverzeichnis |
| Startseite | Webmaster@dalock.de |