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4.1 Die Frauen in Sayers’ Romanen

In Sayers’ Romanen finden wir viele Frauen, die allein für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen. Sie gehen den verschiedensten Berufen nach. Sie arbeiten als Krankenschwestern, Professorinnen, in Werbeagenturen, als Sekretärinnen, als Haushaltshilfen, Kriminalautorinnen. Viele von ihnen sind unverheiratet, denn der Krieg hatte vielen Männern das Leben gekostet. Dadurch stellten die Frauen die Mehrheit der Bevölkerung dar. Man sprach von „surplus woman".  Diese stellten jedoch keinesfalls eine homogene Gruppe dar.
So sind auch die Frauen in Dorothy L. Sayers’ Romanen unterschiedlichster Natur. Wir finden einfache Frauen mit geringer Bildung; Frauen des Mittelstandes, die versuchen, sich zu emanzipieren; Frauen, die allein leben, einen Ehemann suchen und andere, die auch ohne Mann sehr gut zurecht kommen. Sayers beschreibt Frauen der Oberschicht, die Standesdünkel haben, wie zum Beispiel Wimseys Schwägerin, und solche, wie seine Schwester, die sich über derartige Vorurteile hinwegsetzen.
Und es gibt die Gruppe der intellektuellen Frauen, zu der auch Harriet Vane gehört. Es war zwar schon längere Zeit üblich, daß Frauen an den Universitäten Großbritanniens studieren konnten,  aber daß sie auch einen Abschluß bekamen, war eine neue Errungenschaft. Selbst Dorothy L. Sayers war eine der ersten Frauen, die ihren Master of Arts (offizielle Anrede: Magistra) machen konnten.  Die Frauen in Oxford hatten, wie wir in Gaudy Night erfahren, keinen leichten Stand. Sie mußten sich gegenüber den männlichen Dons vorsichtig verhalten, standen permanent in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Für die Presse waren die von Frauen für Frauen geleiteten Colleges eine Quelle möglicher Skandale.  In Gaudy Night beschreibt Sayers die Menschen und das Zusammenleben an einem dieser Colleges.
In Strong Poison lernen wir unter anderem einen gesellschaftlichen Kreis kennen, in dem die moderne, gebildete Frau zwischen den Kriegen verkehrte. Es handelt sich um die links-intellektuellen Künstlerkreise, die Frauen wie Marjorie Phelps, wie Harriet Vane, und auch Wimseys Schwester, Lady Mary, besuchten. In Strong Poison stattet Lord Peter Wimsey gemeinsam mit Marjorie Phelps dieser Gruppe einen Besuch ab, um Informationen über Harriets ermordeten ehemaligen Lebensgefährten zu sammeln. Er trifft auf Exilrussen, Künstler und Feministinnen. Marjorie Phelps, die ihre wichtigste Rolle in The Unpleasantness at the Bellona Club  spielt, steht exemplarisch für die Künstlerinnen im London der zwanziger Jahre.
Lady Mary, die sich, obwohl Aristokratin, eine Weile in kommunistischen Kreisen aufgehalten hat, gehört zu den neben Harriet Vane und Miss Climpson am ausführlichsten dargestellten, weiblichen Charakteren bei Sayers. Am meisten erfahren wir über sie in Clouds of Witness.  Sayers erzeugt das Bild einer vermögenden Frau mit sozialem Engagement, die aber recht orientierungslos ist. Sie sucht nach einer Berufung, glaubt diese in ihrem politisch engagierten Geliebten George Goyles gefunden zu haben, wird aber von ihm enttäuscht. Die Mitglieder der kommunistischen Kreise, in denen sich beide bewegen, setzen sich aus Menschen der gehobenen Mittelschicht und der Oberschicht zusammen. Sayers gibt der kommunistischen Bewegung Großbritanniens dadurch den Anschein einer Modebewegung, die bei den verwöhnten Kindern reicher Eltern populär ist.
Nachdem Lady Mary Lord Peters Freund Charles Parker kennenlernt, entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung, die durch Peters freundschaftliche Vermittlung in einer zufriedenen Ehegemeinschaft endet.  Lady Mary wird zu einem häuslichen Typen und beschäftigt sich mit der Einrichtung von Häusern.
 
 

4.1.1 Die alte Jungfer

Eine große Rolle kommt in Sayers’ Romanen den spinsters zu. Hier gibt es zwei unterschiedliche Gruppen: zum einem die Frauen, die resigniert haben und die ihnen von der patriarchalischen Gesellschaft zugewiesene Rolle akzeptiert haben; und zum anderen, die Frauen, die mit dieser Rolle nicht einverstanden sind. Die Damen der ersteren Gruppe finden wir in den boarding-houses, in den Küstenorten, wo sie keiner Verpflichtung nachgehen und sich gegenseitig den neuesten Klatsch erzählen. Die andere Gruppe rekrutiert sich aus Frauen, die der ihnen zugewiesenen Rolle überdrüssig geworden sind und die einen befriedigenderen Weg beschreiten wollen. Dorothy L. Sayers hat Lord Peter Wimsey in dieser Bevölkerungsschicht ein Potential erkennen lassen, das er sich zu seinen Zwecken nutzbar macht. Er unterhält ein Schreibbüro mit Miss Katherine Climpson an der Spitze, in dem ausschließlich alleinstehende Frauen beschäftigt sind. Dieses Schreibbüro entlarvt Betrüger und Wucherer und arbeitet ab und an direkt für Wimsey. In Unnatural Death äußert sich Lord Peter gegenüber Charles Parker über seine Cattery, wie er seine weiblichen Detektive scherzhaft nennt.

„‘Miss Climpson’, said Lord Peter, ‘is a manifestation of the wasteful way in which this country is run. Look at electricity. Look at water-power. Look at the tides. Look at the sun. Millions of power units being given off into space every minute. Thousands of old maids, simply bursting with useful energy, forced by our stupid social system into hydros and hotels and communities and hostels and posts as companions, where their magnificent gossip-powers and units of inquisitiveness are allowed to dissipate themselves or even become harmful to the community, while rate-payers´ money is spent on getting work for which these women are providentally fitted, ineffeciently carried out by ill-equipped police-men like you.’"

Miss Climpson ist eine dieser Frauen, die eine Beschäftigung haben, die ihrer Veranlagung entspricht.
Mit dem Thema der spinster greift Dorothy L. Sayers ein typisches Problem der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen auf. So schreibt Catherine Kenney:

„The spinster-sleuth is a striking example of detective fiction´s tendency to reflect the particulars of its time, in this case, the changing status of women and their quest for fulfilling work. Specifically, the type suggests a way of women who had become ‘superfluous’ or redundant - to use the more contemporary but equally cruel adjective - since the mid-nineteenth century, the time of the detective story´s birth. Until the last century, the term ‘spinster’ was blandly descriptive, with none of the pejorative connotations it carries today. Presumably, it took on negative connotations when the number of unmarried women became, in Nina Auerbach´s words ‘a social headache almost as great as that of the ubiquitous „deserving poor"’. Sayers´ novels show that she was not only keenly aware of this social headache, which had been intensified by the Great War, but was also ready to suggest some anodynes for the condition."

Da es sich bei Sayers’ Romanen nicht um in erster Linie gesellschaftskritische Bücher handelt, kann man nicht erwarten, daß sie eine wirkliche Lösung des Problems liefert. Was sie jedoch tut, ist, ein Problem aufzuzeigen und in der Handlung ihrer Romane zu verarbeiten. Beachtenswert ist die Darstellung der Miss Climpson. Sie ist eine Frau, die rational ist, eine Arbeit verrichtet, die ihr Spaß macht und die den ihr gestellten Aufgaben mit Professionalität und Einfallsreichtum nachkommt. Sayers vermeidet es, ihr Attribute wie weibliche Intuition oder ähnliche Klischees mitzugeben. Im Gegenteil: Katherine Climpson manipuliert in Strong Poison eine Seance, um eine Geschlechtsgenossin auszuhorchen.
Catherine Kenney sagt über Miss Climpson:

„She is (...) a fine flower of the Victorian era, displaying some of its more attractive values, including duty, propriety, and enterprise. In the broadest cultural terms, Miss Climpson represents those generations of women who ‘went before’ Harriet´s time, preparing the way for later women to have fuller lives."

Miss Climpson ist eine der Randfiguren, in denen sich Dorothy L. Sayers’ Freude zum Detail und ihr Spaß an der Beschreibung der kleinen Nebencharaktere zeigen, die den frühen Lord-Peter-Wimsey-Romanen zu Realitätsnähe verhelfen. John Brabazon schreibt über die Rolle der Miss Climpson:

„As one might suppose, it is through the eyes of a woman that Dorothy begins to show us a world of every-day human beings. Miss Climpson, to whom we are introduced in Unnatural Death, belongs to that group who were all too familiar to Dorothy Sayers - indeed to Europe in general in the years after the First World War - the army of ageing spinsters. For Dorothy, brought up among spinster aunts and barely escaping spinsterhood herself, Miss Climpson was someone she fully understood and sympathized with. Wimsey was fabricated for a purpose - Miss Climpson came from the heart."

So sind es eigentlich die Frauen, denen Harriet Vane ihr Leben verdankt:  Miss Climpson, die das Motiv aufdeckt, und Joan Murchinson, die den schriftlichen Beweis für das Motiv sichert und dabei einen Gefängnisaufenthalt riskiert.
 

4.1.2 Die intellektuelle Frau

Besonders intensiv wird die Rolle der Frau in Gaudy Night untersucht, dem Roman, der heute als erster feministischer Detektivroman betrachtet wird.
Sayers beschäftigt sich hier mit Akademikerinnen. Wie schon bei Miss Climpson macht sich Dorothy L. Sayers bestehende Vorurteile zunutze, um den Leser in eine bestimmte Gedankenbahn zu lenken. Von einem Charakter mit dem formalen Erscheinungsbild der typischen alten Jungfer, wie es auch Miss Climpson zuteil wird, erwartet der Leser eher Leicht- und Geistergläubigkeit, Schwatzhaftigkeit, Intoleranz gegenüber der Jugend. Was ihm jedoch geboten wird, ist eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und mit einer gehörigen Portion gesunden Menschenverstandes ausgestattet ist.

„Miss Climpson had seen many strange things in sixty-odd years of boarding-house life, and was as free from repressions and complexes as any human being could very well be... ."

Ähnlich manipuliert Sayers den Leser in bezug auf die Dons in Gaudy Night. In der klosterähnlichen Gesellschaft der weiblichen Dons und Studenten am Shrewsbury College treibt ein Poltergeist sein Unwesen, der mit anonymen Briefen, Wandschmierereien und Vandalismus die Gemeinschaft in Schrecken versetzt. Als Motiv für die Taten des offensichtlich weiblichen Täters deutet Sayers immer wieder eine unterdrückte Sexualität bzw. eine unterdrückte Weiblichkeit an.  So schreibt Bruce Merry:

„The hoary old clichés about repressed spinsters are raised just often enough to lead the reader to believe that they might account for vandalism, arson and obscene inscriptions around a female-only institution."

Personifiziert wird dies durch die den Männern nicht sehr freundlich gesonnene Miss Hillyard, der Geschichtsprofessorin des Shrewsbury College. Sie glaubt nicht, daß Männer Frauen wegen ihres Intellekts schätzen könnten, sondern glaubt, daß Männer der Gesellschaft ihre Ansichten aufzwängen und daß sie jeglicher, aber besonders weiblicher Kritik unzugänglich wären.
Aber nicht nur diese Einstellung charakterisiert Miss Hillyard. Sie verachtet auch verheiratete Frauen oder Frauen mit Kindern, die ihre Familien an Wichtigkeit der Arbeit voranstellen. Immer wieder kritisiert sie Mrs. Goodwin, die Sekretärin der Dekanin, weil sie wegen ihrer Kinder die Pflichten gegenüber dem College vernachlässigen würde. Miss Hillyard ist der Meinung, daß, wenn man seiner Arbeit nicht nachkommen kann, man diese aufgeben müsse, um anderen keinen Schaden zuzufügen.  Zunächst scheint es so, als ob Sayers sexuelle Frustration als Motiv verwenden wolle. Tatsächlich steht hinter den Verbrechen aber nicht die unterdrückte Weiblichkeit, sondern die hier bereits implizit angedeutete Einstellung zur Arbeit.
 
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