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3.3 Harriets Einfluß auf Wimsey
Wenn in Strong Poison Harriets Leben auf dem Spiel steht, bedeutet
das für Wimsey, der sie liebt, die ultimative Herausforderung. Zum
ersten Mal ist seine eigene Zukunft bedroht. Die Kriminalistik verliert
den Status des Hobbys und wird zur Notwendigkeit. Durch Harriet erfährt
Peter die Angst vor dem Tod. Durch die Möglichkeit, daß sie
zum Tode verurteilt wird, spürt er seine eigene Sterblichkeit und
Ohnmacht. Durch Harriet wird eine Veränderung in Gang gesetzt, die
in Gaudy Night ihren Höhepunkt findet und erst in Busman´s
Honeymoon vollendet wird.
Die Spiegelszene in Strong Poison beschreibt eine Krise und
einen Wendepunkt in Peters Existenz. Er steht in seiner Bibliothek vor
den Büchern, die ihm nicht helfen können. Alles Wissen der Welt
scheint ihm nichts zu nützen. Er fühlt sich machtlos.
„The great Venetian mirror over the fire-place showed him his own
head and shoulders. He saw a fair, foolish face, with straw-coloured hair
sleeked back; a monocle clinging incongruously under a ludicrously twitching
brow; a chin shaved to perfection, hairless, epicene; a rather high collar,
faultlessly starched, a tie elegantly knotted and matching in colour the
handkerchief which peeped coyly from the breast-pocket of an expensive
Savile-Row-tailored suit. He snatched up a heavy bronze from the mantelpiece
- a beautyful thing, even as he snatched it, his fingers caressed the patina
- and the impulse seized him to smash the mirror and smash the face - to
break out into great animal howls and gestures.
Silly! One could not do that. The inherited inhibitions of twenty
civilised centuries tied one hand and foot in bonds of ridicule. What if
he did smash the mirror? Nothing would happen. Bunter would come in, unmoved
and unsurprised, would sweep up the debris in a dust-pan, would prescribe
a hot bath and massage. And the next day a new mirror would be ordered,
because people would come in and ask questions, and civilly regret the
accidental damage of the old one. And Harriet Vane would still be hanged,
just the same."
Der Spiegel, der Wimsey sein wahres Ich vorführt, reflektiert einen
Mann, der nur Äußerlichkeiten vorweisen kann. Wimsey sieht Affektiertheit,
Borniertheit, Arroganz - eine bittere Satire auf den britischen Gentleman.
Diesen Menschen kann Wimsey nur verachten und er will ihn zerstören.
Doch er selbst ist dieser Mensch, und die Erziehung, die ihn zu dem gemacht
hat, was er ist, hindert ihn daran, sinnloser Gewalt und Zerstörungswut
nachzugeben. Der britische Gentleman ist beherrscht.
So selbstkritisch wurde Wimsey dem Leser noch nie vorgestellt. Für
Wimsey ist dies eine Schlüsselszene. Aber bis zur endgültigen
Humanisierung der Figur Wimseys ist es noch ein langer Weg.
Die Frage der Heirat bekommt einen übergeordneten Charakter. Harriet
Vane, die letzten Endes freigesprochen wird, ist Peter zur Dankbarkeit
verpflichtet. Peter liebt Harriet und wünscht sie zu heiraten. Aber
er will natürlich nicht, daß sie ihm nur aus Dankbarkeit nachgibt.
Sie weiß das, und obwohl sie ihm durchaus wohlgesonnen ist, kann
sie sich nicht sicher sein, ob ihre Zuneigung nicht einem Gefühl der
Verpflichtung entspringt. Auf dieser Basis ist für sie eine Heirat
unmöglich. Allerdings bietet sie Peter an, mit ihm zusammenzuleben.
Das lehnt dieser entschieden ab, nicht, weil er um seinen oder ihren Ruf
fürchtet, sondern weil er die Frau, die er liebt, heiraten will. Doch
dafür ist es noch zu früh.
Have His Carcase, der zweite Roman, in dem Harriet Vane eine
Rolle spielt, beginnt mit Harriets Wanderung durch die Küstenregion
Englands. Sie findet eine Leiche, die von der Flut weggespült wird.
Harriet Vane tritt in diesem Roman nicht als Heldin im romantischen Sinne
in Erscheinung. Sie geht mit dem Leichenfund relativ kaltblütig
um. Sie untersucht ihn, macht Photos, bedauert hauptsächlich, daß
sie nicht so erfahren ist im Umgang mit Leichen wie ihr eigener Romanheld
Robert Templeton. Sie benutzt die Leiche für ihre eigene Publicity,
um die Verkaufszahlen ihres neuen Buches zu steigern, ohne jedoch zu beachten,
daß sie sich damit selbst erneut des Mordes verdächtig macht.
Lord Peter Wimsey hört davon und reist ihr nach. Gemeinsam klären
sie den Fall. Am wichtigsten ist, daß in diesem Roman viele Details
aus Harriets Sicht dargestellt werden. Es wird deutlich, daß Harriet
sich von Peter angezogen fühlt. Beide entwickeln eine Freundschaft
und Kameradschaft, während sie den Fall zusammen bearbeiten. Wegen
der schon erwähnten „Dankbarkeitsposition" Harriets kann sich aus
der Zuneigung keine Liebe entwickeln - auch in Have His Carcase
nicht.
Mit Harriet Vane beschreibt Dorothy L. Sayers eine Frau, die als Sayers’
Idealbild der Frau in Großbritannien zwischen den beiden Weltkriegen
betrachtet werden kann. Sie arbeitet an ihrer Selbständigkeit, ist
kreativ und befreit sich von Traditionen. Harriet Vane ist eine moderne
Frau.
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