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3.2 Dorothy L. Sayers und Harriet Vane
Während sich Lord Peter erst in den Büchern nach Strong
Poison zu einer vollständigen Persönlichkeit entwickeln sollte,
zeichnete sich Harriet Vane bereits von Anfang an durch eine starke Charakterbeschreibung
aus. Das deutlich realer wirkende Erscheinungsbild der Harriet Vane entspringt
der Ähnlichkeit, die diese Figur mit der Biographie Sayers’ hat. Beide
sind Kriminalautoren, beide sind Oxfordabsolventinnen, beide wohnen zeitweise
am Mecklenburg Square in London. Sogar Harriets Affäre mit Philip
Boyes findet ihr Äquivalent in der Biographie Sayers’. Harriet
ist wie Dorothy bemüht, ihren Romanen einen realistischen Charakter
zu geben. Auf diese Weise teilt Dorothy L. Sayers den Lesern ihre Ambitionen
hinsichtlich ihrer Arbeit mit. Jessica Mann glaubt, daß Harriet
die Frau ist, von der Dorothy L. Sayers dachte, sie wäre ihr Ebenbild.
Allerdings hat Sayers ihr noch ein paar Attribute mitgegeben, die zu haben
sie sich gewünscht hätte: einen Ehemann, der sie akzeptierte,
und physische Attraktivität.
Eine Charakterisierung, die der Richter über Harriet abgibt, könnte
in weiten Teilen auf Dorothy L. Sayers bezogen werden:
„‘She is a young woman of great ability, brought up on strictly religious principle, through no fault of her own was left, at the age of twenty-three, to make her own way in the world. Since that time - and she is now twenty-nine years old - she has worked industriously to keep herself, and it´s very much to her credit that she has, by her own exertions, made her self independent in a legitimate way, owing nothing to anybody and accepting help from no one.’"
Obwohl Sayers’ Eltern noch am Leben waren, als sie mit ihren Büchern
erfolgreich wurde, und sie auch zuvor in ihren Bemühungen moralisch
und finanziell unterstützt hatten, war Sayers doch immer bemüht,
ihren eigenen Weg zu gehen.
Dorothy L. Sayers erreicht, indem sie die Figur der Harriet Vane an
ihren eigenen Lebenslauf anlehnt, daß diese Figur lebendig wirkt.
Deutlich wird das besonders in Gaudy Night, wo Harriet Vane zum Spiegelbild
Sayers’ wird. Sayers hatte ihr Leben lang ein sehr persönliches Verhältnis
zu Oxford und eine Sehnsucht, dort ihrer Ausbildung entsprechend zu arbeiten.
Auch Harriet wünscht sich, durch wissenschaftliche Arbeit wieder die
richtigen Proportionen in ihrem Leben herstellen zu können und kleine
Unannehmlichkeiten wieder in die richtigen Relationen gerückt zu sehen.
Suerbaum schreibt über diese Technik, einen Charakter menschlicher
wirken zu lassen, und über Harriets Rolle in Gaudy Night:
„Die Autorin erreicht die Aufnahmefähigkeit des Romans für eigene Erfahrungen und Meinungen, indem sie das Bild der Heldin dem Selbstbild annähert. Harriet Vane vom Shrewsbury College ist wie Dorothy L. Sayers vom Somerville College eine Kriminalschriftstellerin mit literarischen Ambitionen, eine Frau mit Emanzipations-problemen und university woman mit höchstem Prädikat im Examen und mit bleibender Sehnsucht nach der akademischen Welt. Auf der Kriminalebene der Geschichte kann sie zunächst als Detektivin eine Hauptrolle spielen. Sie ist aber keine problematisierte und psychologisch komplizierte Version des typischen Kriminaldetektivs, weil sie kaum weiterkommt, und >real< angelegt ist. Sie ist emotional involviert, sie ist mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, sie bleibt gegenüber den Mitgliedern des Senior Common Room in der Haltung der Kollegialität als Frau und Wissenschaftlerin und gegenüber den Bediensteten in der Haltung des Wohlwollens und der Fürsorge. Sie muß daher den Fall abgeben, sobald es ernst wird, und endet im Detektivspiel in der kläglichen Rolle des Helfers, der dem Großen Detektiv die Unterlagen liefert, aus denen der dann - ohne sie ins Vertrauen zu ziehen - die richtige, geniale Lösung entwickelt."
Harriet ist der emotionale Kontrapunkt zu Lord Peter Wimsey. Sie fühlt
mit den Opfern, bringt ihre Persönlichkeit in die Aktion der Handlung
mit ein. In den Fällen, bei denen Harriet Peter assistiert, spielen
Persönlichkeit und Gewissen eine Rolle für die Entwicklung der
Detektivgeschichte. Das war bis dahin untypisch für das Genre.
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