| Kapitel 3 | Kapitel 3.2 |
| Inhaltsvereichnis | Literaturverzeichnis |
| Startseite | Webmaster@dalock.de |
3.1 Lord Peter Wimsey und Harriet Vane: Der Ritter
und die Prinzessin
Harriet Vane wird in Strong Poison angeklagt, ihren ehemaligen
Lebensgefährten Philip Boyes mit Arsen vergiftet zu haben. Charles
Parker, der Freund Wimseys bei Scotland Yard, hat im Vorfeld des Buches
den Fall untersucht und genügend Beweise gesammelt, die Harriet Vane
als Schuldige wahrscheinlich machen und die ausreichend sind, sie zum Tode
zu verurteilen. Der Leser, wie auch Lord Peter Wimsey, lernt Harriet als
Angeklagte im Gerichtssaal kennen, während der Richter den Fall noch
einmal für die Geschworenen zusammenfaßt, um ihnen die Entscheidung
zu erleichtern. Er tut dies auf eine Art, die deutlich macht, daß
er von ihrer Schuld überzeugt ist.
So sagt er:
„‘The Prisoner is also a novelist by profession, and it´s very important to remember that she is a writer of so-called ´mystery´ or ´detective´ stories, such as deal with various ingenious methods of commiting murder and other crimes.’"
Ein Mitglied der Jurie gehört zu Lord Peters Bekanntenkreis. Es
ist Miss Climpson, eine Figur, die Dorothy L. Sayers bereits in Unnatural
Death verwendet hat. Miss Climpson ist eine ledige, ältere Dame
mit gesundem Menschenverstand. Sie verkörpert das Klischee der spinster
und ist der Miss Marple von Agatha Christie, die erst später entstand,
sehr ähnlich. Lord Peter Wimsey beschäftigt sie als Kopf einer
Privatagentur, die sich als Schreibbüro tarnt, tatsächlich aber
ihm gelegentlich Hilfestellung leistet und sich ansonsten mit der Entlarvung
von Betrügern und Scharlatanen beschäftigt, die sich die vermeintliche
Leichtgläubigkeit von Personen, die einen ähnlichen, gesellschaftlichen
Status wie Miss Climpson haben, zu Nutze machen wollen.
Dieser Miss Climpson hat Harriet Vane ihre vorläufige Rettung
zu verdanken, denn sie verhindert eine einstimmige Entscheidung der Jury.
Nach mehrstündiger Beratung der Geschworenen verkündet deren
Sprecher, daß keine Einigung erreicht werden konnte. Der Richter
muß daraufhin entscheiden, daß eine neue Verhandlung anberaumt
wird.
Lord Peter, der erst kürzlich aus dem Ausland wieder zurückgekehrt
ist, verfolgt das Geschehen sehr emotional. Er ist sehr angetan von der
Angeklagten und von ihrer Unschuld überzeugt. Nach der Entscheidung
eilt er zu Harriets Verteidiger, Sir Impey Biggs, den Sayers bereits in
Clouds of Witness als Verteidiger des Dukes of Denver, Wimseys Bruder,
benutzt hat, und bestürmt diesen, daß er, Lord Peter Wimsey,
an der Bearbeitung des Falles beteiligt werden solle.
Bereits in der Zusammenfassung des zuvor Geschehenen durch den Richter
erfahren wir Details über Harriet Vane. Sie ist eine Autorin von Detektivromanen,
ledig und selbständig. Sie hatte eine Affäre mit Philip Boyes,
seinerseits Autor einiger Bücher, die sich mit Atheismus, Anarchie
und „freier Liebe" beschäftigt haben. Mit ihm lebte Harriet Vane zusammen,
ohne mit ihm verheiratet zu sein. Sie war ihm zu diesem Zeitpunkt sehr
zugeneigt und auch bereit, ihn zu heiraten, hatte sich aber mit seiner
Ablehnung gegenüber der Institution Ehe abgefunden. Als Boyes ihr
dann einen Heiratsantrag machte, lehnte sie diesen ab und trennte sich
von ihm. Bei einem Besuch Wimseys im Gefängnis begründet sie
das:
„‘No,(...) Philip wasn´t the sort of man to make a friend of
a woman. He wanted devotion. I gave him that. I did, you know. But I couldn´t
stand being made a fool of. I couldn´t stand being put on probation
like an office-boy, to see if I was good enough to be condescended to.
I quite thought he was honest when he said he didn´t believe in marriage
- and then it turned out that it was a test, to see whether my devotion
was abject enough. Well, it wasn´t. I didn´t like having matrimony
offered as a bad-conduct prize.’"
Harriet Vane ist eine stolze Frau, die sich ihres Wertes bewußt
ist. Auch Dorothy L. Sayers sollte erfahren, daß sie mit ihr nicht
machen konnte, was sie wollte.
Dorothy L. Sayers’ ursprüngliches Motiv, Harriet Vane in ihre
Romane einzubringen, war es, sich von Lord Peter Wimsey zu trennen. Sie
hatte über sieben Jahre Romane und Kurzgeschichten über ihn geschrieben
und wollte ihr Tätigkeitsfeld verändern. Da sie sich aber der
Popularität Lord Peter Wimseys bewußt war, wollte sie sich die
Peinlichkeit ersparen, der Sir Arthur Conan Doyle ausgesetzt war. Er hatte
seinen Helden Sherlock Holmes sterben lassen und mußte ihn auf Druck
der Leserschaft wieder zum Leben erwecken, was natürlich kaum möglich
war, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dorothy L. Sayers beschloß
daher, Lord Peter zu verheiraten. Da es unter den Autoren von Detektivromanen
lange als ungeeignet galt, eine Romanze mit der Aufklärung eines Verbrechens
zu verbinden, wählte Dorothy L. Sayers diesen Ausweg.
Bereits bei der ersten persönlichen Begegnung zwischen Harriet
und Lord Peter im Gefängnis macht er ihr einen Heiratsantrag.
„‘What I mean to say is, when all this is over, I want to marry you,
if you can put up with me and all that.’
Harriet Vane, who had been smiling at him, frowned, and an indefineable
expression of distaste came into her eyes.
‘Oh, are you another one of them? That makes forty-seven.’
‘Forty-seven what?’ asked Wimsey, much taken aback.
‘Proposals. They come in by every post. I suppose there are a lot
of imbeciles who want to marry anybody who´s at all notorious.’
‘Oh,’ said Wimsey. ’Dear me, that makes it very awkward. As a matter
of fact, you know, I don´t need any notoriety. I can get in the papers
off my own bat. It´s no treat to me. Perhaps I´d better not
mention it again.’"
Er hält sich jedoch nicht an diesen Vorsatz und kommt immer wieder
auf seine Heiratsabsichten zurück.
Lord Peter Wimsey trägt seinen Antrag auf ausgesprochen ungeschickte
Art und Weise vor. Seine Vorgehensweise verrät, daß er sich
nicht in die Situation Harriets hineinversetzt hat. Er sieht auch nicht
voraus, daß sie sich für einen Preis halten muß, der dem
Ritter verliehen wird, der das Turnier gewonnen hat.
An dieser Stelle wird deutlich, in welch unterschiedlichen Situationen
die beiden sich befinden. Wimsey geht das Problem mit der ihm gewohnten
spielerischen Leichtigkeit an, für Harriet steht ihre Zukunft, ja
ihr Leben auf dem Spiel.
Lord Peter Wimsey verändert sich mit dieser Szene. Seine Distanziertheit
muß er aufgeben, damit seine Gefühle Harriet gegenüber
für den Leser glaubhaft werden. Dorothy L. Sayers muß ihrem
Detektiv mehr Tiefe geben. Sie kann der Struktur des alten Rätselspiels
nicht mehr folgen, in dem es nur darauf ankam, den Fall zu lösen.
Von diesem Moment an steht auch für Wimsey etwas auf dem Spiel. Er
wird involviert.
Der Leser erfährt von seiner mentalen Verwundbarkeit, seiner Eitelkeit.
In Harriet findet er einen Partner, der seiner ebenbürtig, in emotionaler
Hinsicht ihm sogar überlegen ist. Jessica Mann sieht Wimsey hier in
einer alten Tradition:
„He fell in love with her at that unpropitious first sight, when she was in the dock at the Old Bailey, and like Perseus, like St. George, like a knight of the Round Table, rescued her from her peril and sued for her hand in marriage as a reward. (...) At the same time she plays the leading role in a modern replay of a different story, for she is also the Cinderella figure."
Aber da Sayers’ Helden in modernen Zeiten leben, verhält sich alles
etwas komplizierter und dadurch glaubwürdiger. Der Ritter erschlägt
den Drachen und rettet seine Geliebte, verzichtet aber auf den Preis;
Cinderella wird vom Prinzen umworben, aber sie will ihn nicht. Das ist
für Wimsey, mehr noch für die Rolle des Superdetektivs, eine
ungewöhnliche Situation. Ein Held wie Wimsey bekommt, was er will.
Aber Harriet Vane holt ihn von seinem Podest und stellt ihn mit beiden
Füßen auf die Erde.
Dorothy L. Sayers stand vor einem Dilemma. Sie wollte Lord Peter einen
Abgang verschaffen, konnte das aber aus zwei Gründen nicht. Erstens
war Lord Peter ein kommerzieller Erfolg. Die Leser wollten mehr Lord-Peter-Wimsey-Abenteuer.
Zweitens funktionierte ihr Vorhaben, ihn zu verheiraten, nicht so wie geplant.
„But what really stayed my hand was something still more unexpected, and in a sense more creditable. I could not marry Peter off to the young woman he had (in the conventional Perseus like manner) rescued from death and infamy, because I could find no form of words in which she could accept him without loss of self-respect. I had landed my two chief puppets in a situation where, according to all the conventional rules of detective fiction, they should have had nothing to do but fall into one another´s arms; but they would not do it, and that for a very good reason. When I looked at the situation I saw that it was in every respect false and degrading; and the puppets had somehow got just so much flesh and blood in them that I could not force them to accept it without shocking myself."
Interessant ist hier, wieviel Eigenleben Dorothy L. Sayers ihren Kreationen
zugesteht. Weil diese zu sehr realen Persönlichkeiten aus Fleisch
und Blut ähneln, kann sie sich nicht dazu durchringen, ihnen ein Verhalten
aufzuwingen, das ihrer Figuren unwürdig wäre.
Für Peter beginnt mit Strong Poison eine Entwicklung. War er in
den vorangegangenen Büchern der Held mit der komischen Seite, will
er nun ernstgenommen werden, denn seine Gefühle gegenüber Harriet
sind ernst gemeint. Nicht nur der Leser hat Schwierigkeiten mit Wimseys
neuer Einstellung. Auch für seine Mitstreiter kommt die neue Entwicklung
unerwartet. So ist Charles Parker erstaunt zu hören, mit welchem Enthusiasmus
Wimsey von Harriet redet:
„‘What eloquence!’ said Parker unimpressed. ‘Anybody would think
you´d gone goopy over the girl.’
‘That´s a damned friendly way to talk,’ said Wimsey, bitterly.
‘When you went off the deep end about my sister I may have been unsympathetic
- I daresay I was - but I swear I didn´t dance on your tenderest
feelings and call your manly devotion „going goopy over a girl." I don´t
know where you pick up such expressions, as the clergy-man´s wife
said to the parrot. „Goopy", indeed! I never heard anything so vulgar!’
‘Good lord,’ exclaimed Parker, ‘you don´t seriously say-’
‘Oh no,’ retorted Wimsey, bitterly. ‘I´m not expected to be
serious. A buffoon, that´s what I am. I now know exactly what Jack
Point feels like. I used to think the „Yeomen" sentimental tosh, but it
is all too true. Would you like to see me dance in motley?’"
Auch andere Freunde stellen erste Anzeichen beginnender Veränderungen fest. Marjorie Phelps, eine Künstlerin und alte Freundin, unterstützt Wimsey bei der Suche nach Hinweisen in den Kreisen, in denen der ermordete Philip Boyes und Harriet Vane zu verkehren pflegten. Sie stellt bei ihm eine neue Ernsthaftigkeit fest. Wimsey erschrickt:
„That was the second time Wimsey had been asked not to alter himself; the first time, the request had exalted him; this time, it terrified him. As the taxi lurched along the rainy Embankment, he felt for the first time the dull and angry helplessness which is the first warning stroke of mutability. Like the poisoned Athulf in the Fool´s Tragedy, he could have cried, ‘Oh, I am changing, changing, fearfully changing.’ Whether his present enterprise failed or succeeded, things would never be the same again. It was not that his heart would be broken by a disastrous love - he had outlived the luxurious agonies of youthful blood, and in this very freedom from illusion he recognised the loss of something. From now on, every hour of light-heartedness would be, not a prerogative but an achievement - one more axe or case-bottle or fowling-piece, rescued Crusoe-fashion, from a sinking ship."
Was Wimsey hier erfährt, die Schmerzen, die er bei den ersten Anfängen
seines emotionalen Reifeprozesses empfindet, ist auch für den Leser
unerwartet. Helden in Detektivromanen stehen über den Empfindungen
der Normalsterblichen. Auch Wimsey konnte sich bisher glücklich schätzen,
von Gefühlen verschont zu sein. Aber nachdem er in Harriet einer Frau
begegnet ist, die einer realen Figur eher gleicht als der zu rettenden
Prinzessin oder Cinderella, wird auch er in diese reale Welt gesogen.
| Kapitel 3 | Kapitel 3.2 |
| Inhaltsvereichnis | Literaturverzeichnis |
| Startseite | Webmaster@dalock.de |