| Kapitel 2.1 | Kapitel 3 |
| Inhaltsvereichnis | Literaturverzeichnis |
| Startseite | Webmaster@dalock.de |
2.2 Wimseys humoreske Vorgehensweise
In Whose Body?, Dorothy L. Sayers’ erstem Detektivroman, wird
uns Lord Peter Wimsey bei einer Taxifahrt auf dem Weg zu einer Versteigerung
von Erstausgaben vorgestellt. Die ersten Worte, sowohl des Romans als auch
die des dazugehörigen Helden sind: „‘Oh damn’", ein erster
Hinweis auf seine Unkonventionalität.
In diesem Roman befaßt sich Lord Peter Wimsey mit der Aufklärung
gleich zweier Verbrechen: Dem Mord an der nur mit einem Kneifer bekleideten
Leiche, die in Thipps Badezimmer aufgefunden wurde und mit dem mysteriösen
Verschwinden des Geschäftsmannes Sir Reuben Levy.
Die erste Beschreibung, die wir von Wimsey erhalten, ist nicht sehr
schmeichelhaft:
„His long amiable face looked as if it had generated spontaneously from his top hat, as white maggots breed from Gorgonzola."
Lord Peter hat den Ausstellungskatalog vergessen und muß deshalb
zu seiner Wohnung zurückkehren, wo Bunter gerade mit Peters Mutter
telefoniert. Diese berichtet Wimsey von der Leiche im Badezimmer des Architekten
Thipps und bittet ihn, Thipps zur Seite zu stehen. Peter zeigt sich recht
unbewegt, höchstens erfreut, daß ihm eine Abwechslung ins Haus
steht. Er schickt Bunter zur Versteigerung. Er erklärt ihm genau,
welche Ausgabe er warum und zu welchem Preis ersteigern soll. Bei dieser
Gelegenheit zeigt uns Dorothy L. Sayers Wimseys Fachkenntnis zum Thema
der Erstausgaben.
Peters einzige Besorgnis ist, ob er dem Anlaß, also dem Besuch
bei Thipps, entsprechend gekleidet ist und er entscheidet sich, sich umzuziehen.
„‘Exit the amateur of first editions; new motive introduced by solo bassoon; enter Sherlock Holmes disguised as a walking gentleman.’"
Bei Thipps angekommen begutachtet Lord Peter den Tatort. In seinem Verhalten zeigt er eine verblüffende Unbekümmertheit. Der Dialog zwischen Thipps und ihm gleicht mehr dem Small Talk bei einer Cocktailparty als einem Gespräch im Angesicht einer Leiche. So drückt Lord Peter seine Teilnahme an dem Schock, der das Auffinden der Leiche für den Architekten dargestellt haben muß, auf unvermutete Weise aus.
„‘I´m sure it must have been uncommonly distressin´,’ said Lord Peter, sympathetically, „especially comin´ like that before breakfast. Hate anything tiresome happenin´ before breakfast. Takes a man at such a confounded disadvantage, what?’"
Lord Peter Wimsey betrachtet die Aufklärung von Verbrechen, zumindest
in diesem frühen Stadium, als Spiel, als sein persönliches Steckenpferd.
Das wird besonders deutlich, wenn er seine Freude über die Ablenkung
in Form einer Leiche gegenüber seinem Freund Charles Parker von Scotland
Yard zum Ausdruck bringt.
Er singt:
„‘We both have got a body in a bath,
We both have got a body in a bath-
For in spite of all temptations
To go in for cheap sensations
We insist upon a body in a bath-’"
Charles Parker, Lord Peters Partner in diesem Fall, ist der Kontrapunkt
zu dem Superhelden Wimsey. Er ist der Profi, seine Untersuchungsmethoden
sind viel gründlicher, er ist zweifelnder und behutsamer in seiner
Vorgehensweise als Wimsey. Parker geht, wie man es von einem Berufspolizisten
erwartet, jedem Hinweis nach. Charles Parker gehört zur Mittelschicht,
seine Verhältnisse sind, im Vergleich zu Wimseys, einfach zu nennen.
Er entspricht weder Inspector Lestrade noch Watson bei Sir Arthur Conan
Doyle. Parker ist eine respektable Persönlichkeit mit Kompetenz. Die
einzige Eigenschaft, die er mit Watson oder auch mit Agatha Christies Cornel
Hastings, dem Partner von Hercule Poirot, gemein hat, ist, daß er
seine Schlüsse langsamer zieht. Dies dient dem Autoren dazu, dem Leser
einzelne Beweisstücke hervorzuheben, um die Gedankengänge des
Helden im Dialog verdeutlichen zu können. Außerdem wird dadurch
die Brillanz des Helden betont.
Die Watson-Figur des etwas naiveren Partners hat weiterhin die Aufgabe
dem Leser zu schmeicheln. Indem dem Partner die offensichtlichen Erklärungen
geliefert werden, fühlt sich der Leser ihm überlegen. Er kann
sich sagen: „Wenn ich schon nicht so clever bin wie der Held, so bin ich
doch wenigstens nicht so dumm wie Watson."
Lord Peter Wimsey besitzt auch einige Hilfsmittel, die für einen
Superdetektiv unerläßlich sind. Diese werden uns im Dialog mit
Parker vorgestellt. Sein Monokel ist nicht nur Attribut eines Snobs,
sondern ein starkes Vergrößerungsglas, sein in Zoll markierter
Spazierstock hat als Knauf einen Kompaß und einen Degen im Inneren.
Seine als Streichholzschachtel getarnte Minitaschenlampe hatte er bereits
zuvor bei der Begutachtung der Leiche im Einsatz.
Lord Peters Vorgehensweise ist, wenn er sie Dritten vorführt,
rational wissenschaftlich strukturiert. So begleitet er die Thesen bezüglich
eines Verdächtigen in einem Gespräch mit Parker mit folgendem
Satz:
„‘Following the methods inculcated at that University of which I have the honour to be a member of, we will now examine severally the various suggestions afforded by possibilty No. 2. This Possibility may be again sub-divided into two or more Hypotheses.’"
Die Lösung des Problems zeigt sich ihm jedoch nicht als Folge dieses wissenschaftlich anmutenden Verfahrens, sondern in Form einer plötzlichen Erleuchtung. Er klärt nicht nach und nach Teile des Mysteriums, sondern die Lösung steht als Ganzes plötzlich vor ihm.
„And then it happened - the thing he had been half-unconsciously expecting. It happened suddenly, surely as unmistakably, as sunrise. He remembered - not one thing, not another thing, nor a logical succession of things, but everything - the whole thing, perfect, complete, in all its dimensions as it were and instantaneously; as if he stood outside the world and saw it suspended in infinitely dimensional space. He no longer needed to reason about it. He knew it."
Diese Form der Erkenntnis gibt dem Helden etwas Übernatürliches,
hebt ihn ab von der gemeinen Masse - und kontrastiert ihn natürlich
in besonderem Maße zu Parker.
Das typischste Merkmal des Lord Peter Wimsey ist seine Angewohnheit,
den dummen, naiven Adligen zu spielen. Diese Pose dient ihm als Tarnung
wie Harriet Vane, seine spätere Partnerin, in Gaudy Night, erklärt:
„‘I met him [Lord Peter Wimsey] once at a dog show,’ put in
Miss Armstrong unexpectedly. ‘He was giving a perfect imitation of the
silly-ass-about-town.’
‘Then he was either frightfully bored or detecting something,’ said
Harriet laughing.’ I know that frivolous mood, and it´s mostly camouflage
- but one doesn´t always know for what.’"
Der Effekt, der mit dieser Tarnung erreicht werden soll, ist zum einen
Lord Peters Gegenspieler in Sicherheit zu wiegen und ihm so die Möglichkeit
zu geben, Fragen zu stellen, die einem ernstzunehmenden Interviewer nicht
beantwortet werden würden. Zum anderen macht Dorothy L. Sayers damit
Lord Peter Wimsey zum Sympathieträger, da diese Maskerade seine humorvolle
Seite zum Ausdruck bringt.
In einer Szene in Whose Body? geht es um die Befragung der Mitbewohner
des Hauses, in dem die Leiche gefunden wurde. Lord Peter trifft auf das
Ehepaar Appledore, das ihm wenig Höflichkeit entgegenbringt und ihn
sogar persönlich angreift. Mrs. Appledore steht ihm im Nachtgewand
gegenüber und beleidigt ihn, woraufhin Lord Peter in einen Redeschwall
ausbricht, der gespickt ist mit Ironie und den er selbst als impertinent
bezeichnet.
„‘This is Lord Peter Wimsey, my dear,’ said [Mr. Appledore]
mildly.[Mrs. Appledore] was unimpressed.
‘Ah, yes’, she said, ‘I believe you are distantly related to my
late cousin, the Bishop of Carisbrooke. Poor man! He was always taken by
impostors; he died without learning any better. I imagine you take after
him, Lord Peter.’
‘I doubt it,’ said Lord Peter. ‘So far as I know he is only a connection,
though it´s a wise child that knows its own father. I congratulate
you, dear lady, on takin´ after the other side of the family. You´ll
forgive my buttin´ in upon you like this in the middle of the night,
though, as you say, it´s all in the family, and I´m sure I´m
very much obliged to you, and for permittin´ me to admire that awfully
fetchin´ thing you´ve got on. Now, don´t you worry, Mr.
Appledore. I´m thinkin´ the best thing I can do is to trundle
the old lady [die Mutter des Architekten, in dessen Wohnung die Leiche
gefunden wurde] down to my mother and take her out of your way, otherwise
you might be findin´ your Christian feelin´s getting the better
of you some fine day, and there´s nothin´ like Christian feelin´s
for upsettin´ a man´s domestic comfort. Good-night, sir - good-night,
dear lady - it´s simply rippin´ of you to let me drop in like
this.’
‘Well !’ said Mrs. Appledore, as the door closed behind him. ‘And
-’
‘I thank the goodness and the grace
That on my birth have smiled.’
said Lord Peter, ‘and taught me to be beastly impertinent when I
choose. Cat!’"
Auffallend sind hier noch zwei weitere Dinge.
Erstens Lord Peters Angewohnheit, bei dieser Art Vorstellung die „g"-s
am Ende zu vernachlässigen, und zweitens seine Eigenart, Literatur
zu zitieren. Damit folgt Dorothy L. Sayers dem Vorbild einer anderen sehr
populären Gestalt der Detektivliteratur, nämlich P. G. Wodehouse’
Bertie Wooster, der mit seinem Butler Jeeves in ähnlicher Manier Kriminalfälle
löst. Dieses Zitieren wird von Sayers immer dann verwendet,
wenn entweder Lord Peters Intelligenz hervorgehoben werden soll, oder er
in Gedanken versunken seine Umwelt vergißt. Dies passiert in einem
Hotel, als er über den vermeintlichen Mörder nachdenkt.
„‘„He´s tough, sir, tough, is old Joey Bagstock, tough and
devilish sly."’ he added thoughtlessly.
‘Indeed, sir?’ said the waiter. ‘I couldn´t say, I´m
sure.’
‘I beg your pardon,’ said Lord Peter. ‘I was quoting poetry. Very
silly of me. I got the habit on my mother´s knee and I can´t
break myself of it.’"
Diese Angewohnheit teilt er mit Dorothy L. Sayers. Am Anfang der Lord-Peter-Wimsey-Romane
ist diese Art des Zitierens noch verhältnismäßig selten,
verstärkt sich aber im Verlaufe der folgenden Romane und kulminiert
in einem wahren Wettstreit zwischen Lord Peter Wimsey und dem ermittelnden
Polizisten Superintendent Kirk in Busman´s Honeymoon.
Dorothy L. Sayers hat die Figur des Lord Peter Wimsey bereits in ihrem
ersten Buch einer Reihe von Charaktereigenschaften ausgestattet. Diese
sind jedoch noch rudimentär und entsprechen weitestgehend dem gängigen
Klischee. Insbesondere sein physisches Erscheinungsbild und seine Intelligenz
reihen ihn in die Gruppe der Superdetektive ein. Diesem Charakterbild folgte
Dorothy L. Sayers in einer Reihe von Lord-Peter-Wimsey-Abenteuern. Mit
ihrem Roman Strong Poison sollten sich aber Entwicklungen auftun,
die sie selbst nicht ahnen konnte und die den Beginn einer Metamorphose
des Helden darstellten.
| Kapitel 2.1 | Kapitel 3 |
| Inhaltsvereichnis | Literaturverzeichnis |
| Startseite | Webmaster@dalock.de |