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2.1 Lord Peter Wimsey: ein gattungskonformer Detektiv?

Lord Peter Wimsey ist der 1890 geborene, jüngere Sohn des Dukes of Denver.  Er hat eine Ausbildung am Balliol College in Oxford genossen und sein Studium der Geschichte mit Auszeichnung abgeschlossen. Während seines Studiums entwickelte er sich zum Athleten und hervorragenden Cricketspieler. Er beherrscht mehrere Sprachen. Während des letzten Jahres des Ersten Weltkrieges wird er bei einem Bombenangriff verschüttet, was nach Kriegsende häufige, später nur noch in Streßsituationen auftretende Nervenzusammenbrüche - shell-shocks - zur Folge hat. In diesen Situationen steht ihm sein ehemaliger Sergeant und jetziger Diener Mervyn Bunter zur Seite.
Lord Peters Äußeres ist eine Persiflage auf den britischen Adel. Er ist schmal, hat ein fliehendes Kinn und ist dank Bunter immer korrekt gekleidet Er sammelt Bücher, vorzugsweise Erstausgaben und liebt die Musik von Bach. Nach einer unglücklichen Liebesbeziehung wendet er sich zur Ablenkung der Aufklärung mysteriöser Verbrechen zu, was für ihn zu einem Hobby wird.
Dorothy L. Sayers’ Entscheidung, einen Angehörigen des Adels zum Helden zu wählen, wird von Jessica Mann wie folgt kommentiert:

„(H)er readers would have accepted without question that Lord Peter had easier access to police and witnesses than Mr. Wimsey would have done.(...) Even if Sayers had known how much other writers and critics would dislike a rich lord, she must have realised that the title and the money would make an amateur detective much more plausible. It spared her having to invent a reason for his being able to find the time to poke his nose into other people´s affairs because he did not theoretically have to be elsewhere earning his living."

Auch Margaret P. Hannay führt Dorothy L. Sayers’ Beweggründe an, aus denen heraus sie Lord Peter mit den ihm eigenen Attributen ausgestattet hat.

„1. The detective must be in a position to be brought into crimes and enabled to work with the police. (Lord Peter
    develops  a friendship with Inspector Parker.)
2. He must be able to drop everything at a moment and go off somewhere to investigate the crime. (Lord Peter has no
    professional obligations which would keep him in an office from nine to five, for example.)
3. He must be able ‘to tackle anything from a subtle poisoning to an elaborate alibi produced by mechanical means’ if
    he is to be the hero of a series of books. One cannot always have the solution to the mystery depend upon poisoning
     if there is to be any suspense. Nor can the detective waste valuable space running around seeking expert opinions
    on every detail. (Lord Peter is notoriously versatile.)
4. He must have the physical equipment to be able to cope with violent criminals. (Since guns are considered rather
    vulgar for English detectives, Lord Peter must have physical strength. As his creator has made him rather short, he
    is agile, surprisingly  strong for his size, and knows karate or its equivalent.)
5. He ‘must be leisured and rich’ (italics hers). (Lord Peter cannot be deterred by such minor considerations as the
    cost of chartering a plane to cross the atlantic, or the months he must disappear as Lord Peter if he is to maintain
    the character of Death Bredon.)
6. If he is to figure in a series of books, he should not be too old to start with, he should have some loose ends hanging
    out to be developed later, and his character should evolve gradually."

Auf diese Art ist der Held mit dem nötigen Rüstzeug versehen, das es ihm nicht nur ermöglicht, als Detektiv tätig zu werden, sondern welches auch notwendig ist, um diese Tätigkeit in den Augen der zweifelnden Leser akzeptabel zu machen.
Von Lord Peter Wimseys Umgebung und Bekanntenkreis erfahren wir in Whose Body? nur wenig. Schon früh wird Lord Peters Mutter, die Dowager Duchess of Denver, vorgestellt. Auch sie stellt eine Persiflage der Aristokratie dar. Dorothy L. Sayers gibt ihr neben einem Hang zur weitschweifigen Konversation ein außerordentliches Maß an Arroganz mit. So äußert sich die Dowager Duchess bei einer gerichtlichen Untersuchung über die Jury:

„‘(...) those fourteen people - and what unfinished-looking faces they have - so characteristic, I always think, of people of the lower middle class, rather like sheep, or calves´head (boiled I mean), (...)’"

So bekennt sie auch Bewunderung gegenüber dem Zeugen Thipps, dem Architekten und Mitglied der Mittelschicht, als dieser ritterliches Verhalten an den Tag legt, indem er sich weigert, einen Freund zu verraten.  Das kriminalistische Hobby ihres Sohnes billigt sie zwar stillschweigend und tritt auch mit Fällen an ihn heran, behält sich aber vor, es offiziell zu ignorieren.
Eine weitere Person aus Lord Peters Bekanntenkreis, die wir bereits in diesem ersten Roman kennenlernen, ist the Honourable Freddy Arbuthnot. Dieser ist das realistische Gegenbild der Rolle, derer sich Lord Peter so gern befleißigt, nämlich der aristokratische Snob, der außer durch sein instinktives Handeln an der Börse keinerlei gesellschaftliche Signifikanz besitzt.
Wimseys eigentlicher Partner ist jedoch Mervyn Bunter, sein Freund und Butler. Bunter war im Krieg Sergeant, als Lord Peter und er sich während einer gefährlichen Situation kennen und schätzen lernten. Nach dem Krieg folgt Bunter dem Angebot Lord Peters, in dessen Dienste zu treten. Er hilft ihm, über die nach dem Krieg häufig auftretenden Nervenzusammenbrüche hinwegzukommen.  Auch er begeistert sich für das Hobby seines Lords und steht ihm sowohl als technische Hilfe, besonders im Bereich der Photographie und Spurensicherung,  als auch gelegentlich als Spion im Kreise der Dienerschaft eines Verdächtigten zur Verfügung. Bunter ist Lord Peter treu ergeben. Diese Ergebenheit wird von diesem durch unbedingtes Vertrauen erwidert, so weit, daß er sich schon in eine Form der Abhängigkeit begibt. In Whose Body? erfahren wir von dieser Beziehung nur ansatzweise.
Das Thema der Nervenzusammenbrüche Lord Peter Wimseys ist sehr beachtenswert. Es drückt die Verletzlichkeit des Helden aus. Diese Nervenzusammenbrüche treten immer dann auf, wenn Lord Peter schwerwiegende Entscheidungen in Hinsicht auf das Schicksal anderer Personen treffen muß, das heißt, wenn er entscheiden muß, ob er es verantworten kann, einen Mörder dem Gesetz zu übergeben. Da das zu dieser Zeit den Tod durch Erhängen nach sich zog, muß Lord Peter über Leben oder unehrenhaften Tod der entsprechenden Person, - natürlich die Unfehlbarkeit des Detektivs vorausgesetzt -, entscheiden. In Whose Body? erleidet Lord Peter Wimsey einen Nervenzusammenbruch in direktem Zusammenhang mit der Erkenntnis der Lösung des Verbrechens.  Er fühlt sich in die Schrecken des Krieges zurückversetzt, und nur Bunter, der diese Zeit wie er durchlitten hat, kann ihm in dieser Situation den nötigen Beistand geben. Die Nervenzusammenbrüche sind auch Ausdruck für das Gewissen Lord Peter Wimseys. Obwohl das Moment des Gewissens bereits im ersten Lord-Peter-Wimsey-Abenteuer eingeführt wird, kommt ihm erst in Sayers’ letzten Romanen inhaltliche Tragweite zu. Am Ende von Whose Body? wird die Ergreifung des Schuldigen gefeiert und es ist nicht im entferntesten die Rede von der Verantwortung des Detektivs gegenüber dem Verbrecher.
Dorothy L. Sayers führt das Moment des Gewissens im Dialog zwischen Lord Peter und Charles Parker, Wimseys Freund bei Scotland Yard, ein. Letzterer hat zu diesem Punkt eine professionelle Meinung, schließlich ist er Berufspolizist. Für Wimsey stellt sich die Situation jedoch anders dar. Für ihn ist die Kriminalistik ein Hobby, ein Spiel. Kann er als Konsequenz eines Spieles den Tod eines Menschen verantworten?

„‘That ´s what I´m ashamed of, really,’said Lord Peter. ‘It is a game to me, to begin with, and I go on cheerfully, and then I suddenly see that somebody is going to be hurt, and I want to get out of it.’"

Parker weist Lord Peter zurecht. Er erklärt ihm, daß er eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft habe, den „Job" zu tun, für den er die Begabung besitze. Wenn Wimsey die Begabung hat, Verbrechen aufzuklären, dann muß er genau das tun. Jagt er Verbrecher, muß er auch zu den Konsequenzen stehen.

„‘If you´ve any duty to society in the way of finding out the truth about murders, you must do it in any attitude that comes handy. You want to be elegant and detached? That´s all right, if you find the truth out that way, but it hasn´t any value in itself, you know. You want to look dignified and consistent - what´s that got to do with it? You want to hunt down a murderer for the sport of the thing and then shake hands with him and say, „Well played - hard luck - you shall have your revenge tomorrow!" Well, you can´t do it like that. Life´s not a football match. You want to be a sportsman. You can´t be a sportsman. You are a responsible person.’"

Nichtsdestotrotz bleibt Lord Peter Wimsey Amateur. Sich auf seinen Amateurstatus berufend, macht er sich auf, dem Mörder, den Sayers als ein angesehenes und wertvolles Mitglied der Gesellschaft darstellt, zu zeigen, daß er weiß, wer der Mörder ist und ihm so die Möglichkeit eines ehrenvollen Abganges, also Selbstmord zu ermöglichen.
 
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