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2. Die klassische Detektivgeschichte
Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist für die Detektivgeschichte
in Großbritannien die Goldene Ära. Die Detektivgeschichte
hat sich nach Edgar Allen Poes Beispiel zu einer Literaturgattung entwickelt,
die festen Regeln unterliegt.
In seinen fünf Kurzgeschichten, die sich dem Genre Detektivgeschichte
zuordnen lassen, nämlich The Murders in the Rue Morgue (1841),
The
Mystery of Marie Rogêt (1842-43), The Purloined Letter
(1845), The Gold Bug (1843) und Thou Art The Man (1844),
hat Poe den Rahmen für die Detektivgeschichte festgelegt. In
diesen fünf Geschichten kommen bereits die meisten der späteren
festen Themen vor, die für lange Zeit bestimmend für die Detektivgeschichte
sein werden. In The Murders in the Rue Morgue haben wir es
mit einem locked-room-mystery zu tun, wo ein Mord in einem scheinbar
vom Mörder nicht zu verlassendem Raum verübt wird. In The
Mystery of Marie Rogêt finden wir den intellektuellen Detektiv,
der sich nur auf seine mentalen Fähigkeiten verläßt und
das Verbrechen aufklärt, ohne seinen Sessel zu verlassen. The PurloinedLetter
kommt durch seinen Schauplatz einer Agentengeschichte nahe und behandelt
das Problem, daß das Offensichtliche am ehesten übersehen wird.
Diese drei Geschichten stellen denselben Helden vor, den Amateurdetektiv
Auguste
Dupin, der schlauer ist als die Polizei. Der namenlose Erzähler
der Geschichten ist das Modell des späteren Watson-Charakters von
Sir Arthur Conan Doyle, der in so vielen Varianten als Freund, Helfer und
Chronist des Detektivs in Erscheinung treten sollte.
In The Gold Bug begibt sich der Held mit Hilfe einer chiffrierten Karte
auf Schatzsuche und in Thou Art The Man ist der am wenigsten Verdächtigte
der Schuldige.
Im Jahre 1928 haben S.S. Van Dine mit Twenty Rules for Writing Detective
Stories und Ronald A. Knox mit A Detective Story Decalogue
ein Regelwerk geschaffen, das die Limitierungen dieses Genres beschrieb.
Diese Regeln beinhalten Punkte wie: der Leser muß jederzeit die gleiche
Einsicht in die Beweise haben wie der Detektiv, von Lösungen, die
Zauberei, Hellseherei oder weibliche Intuition benutzen, ist Abstand zu
nehmen. Diese fair-play-rules sollen für Fairneß gegenüber
dem Leser sorgen. Sie sollen es ihm ermöglichen, eigenständig
mit den ihm gelieferten Informationen die Identität des Täters
zu entschlüsseln. Weiterhin sind aber auch Regeln zu finden, die einer
Entwicklung der Detektivgeschichte im Wege stehen, wie: eine Detektivgeschichte
darf keine Liebesgeschichte enthalten, oder: der Detektiv darf nie der
Mörder sein.
„There must be no love interest. The business in hand is to bring a criminal to the bar of justice, not to bring a lovelorn couple to the hymeneal altar."
Diese Regeln sollten die Qualität der Detektivgeschichte sichern,
die durch die immense Anzahl von Autoren und Veröffentlichungen gefährdet
war, und sie sollten den Unterschied zwischen der Detektivgeschichte als
Literatur und den Detektivgeschichten als Konsumgut in den Groschenromanen
verdeutlichen.
Sie bedeuteten allerdings auch, daß sich die Detektivgeschichte
dadurch in einem engen Rahmen bewegen mußte. Sie wurde zu einem reinen
Gedankenspiel, in dem es nur darauf ankam, gleiche Inhalte in immer wieder
neue Verpackungen zu bringen. Daraus resultierte eine für den Detektiv
typische Distanziertheit. Der Detektiv konzentriert sich auf die Lösung
eines Mysteriums, wird aber nicht mit dem menschlichen Leid und den Emotionen
seiner Mitstreiter oder Gegenspieler verbunden.
Kathleen Gregory Klein beschreibt den Rätselspiel-Charakter
des Detektivromans so:
„The classic detective story, at its peak in the years between the two world wars, has several distinct and unchallenged characteristics, most importantly it is a puzzle or an intellectual game - with heavy emphasis laid on game, where minimal attention is paid to physical sufferings of the victim or even the probable fate of the murderer."
Die Detektive in dieser Zeit ähneln sich sehr. Es gibt nur wenige
unterschiedliche Kategorien. So gibt es den wissenschaftlich arbeitenden
Sherlock Holmes-Typus des Privatdetektivs mit seinem naiven Partner; den
Typus der Denkmaschine, der ohne physische Aktivität nur mit Hilfe
seiner mentalen Fähigkeiten zur Lösung kommt; den Miss-Marple-Typ
der alten Dame, in der Regel unverheiratet, die durch Beobachtung in ihrem
Alltag Einblicke in die menschliche Psyche gewonnen hat und so Verbrechen
aufklärt; und es gibt den Typ des wohlhabenden, gebildeten, ebenfalls
unverheirateten, durchtrainierten Mannes, der als Amateurdetektiv immer
schlauer ist als die Polizei. Allen gemeinsam ist jedoch, daß sie
als Beschützer der Schwachen und ungerecht Beschuldigten die Nachfolge
der mythischen Helden und mittelalterlichen Ritter antreten.
Zu dem Typ des reichen Lebemannes, der als Amateurdetektiv fungiert,
gehört auch Philip Trent aus E. C. Bentleys Trent´s Last
Case. E. C. Bentley schuf seinen Helden, um sich über eben
diesen Typus lustig zu machen. So irrt Trent sich auch bei der Lösung
seines Falles.
Die Figur des Philip Trent wurde allerdings beim Leser so beliebt,
daß Bentley weitere, chronologisch vorher angesiedelte Fälle
seines Protagonisten veröffentlichte. Diese Popularität erklärt
sich aus der humorvollen Darstellung des Helden und der Verknüpfung
der Detektivgeschichte mit einer Romanze.
Trents Vorbild beeinflußte Dorothy L. Sayers bei der Schaffung
ihres Helden, Lord Peter Wimsey.
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