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1. Einleitung: Dorothy L. Sayers und ihre Helden
Würde man Dorothy L. Sayers’ Wunsch berücksichtigen, für
einen Zeitraum von fünfzig Jahren nach ihrem Tod nichts über
sie zu schreiben, dürfte auch diese Arbeit nicht geschrieben werden.
Denn eine Abhandlung über Lord Peter Wimsey und Harriet Vane muß
zwangsläufig ein Werk über Dorothy L. Sayers sein. Zu sehr tragen
diese Kreationen den Stempel ihrer Schöpferin. Lord Peter Wimsey,
der aus einer Laune heraus, während eines Spiels geboren wurde,
war gedacht als Geldquelle und wurde zum Lebensgefährten. Für
Sayers war er oft realer als die Realität. Lord Peter ist amüsant,
ein wenig geschwätzig, ein Lebemann, ein bißchen ein Playboy
- und er ist Amateurdetektiv. So kann er, von kleineren Problemen abgesehen,
wunderbar leben und mit sich zufrieden sein. Doch dann tritt eine Frau
in sein Leben, die ihn völlig verändern soll. Es werden Schwächen
offenbar, Wimsey bekommt Emotionen und Verantwortung. Er zeigt Nerven.
Wie kann es zu einer solchen Wandlung kommen? Wer ist diese Frau?
Harriet Vane wurde geschaffen, damit sich Dorothy L. Sayers von ihrem Helden trennen konnte. Nach dem Eid, den sie vor dem Detection Club abgelegt hatte, durfte sie in ihren Detektivromanen keine Romanzen dulden. Aber ihre Protagonisten besitzen genug Eigenleben, um sich dagegen zu wehren, so verabschiedet zu werden. Da Sayers bemüht ist, realistische Personen mit lebensnahen Handlungen darzustellen, befindet sie sich in einem Dilemma: Soll sie unglaubwürdig werden, indem sie ihre Protagonisten unwahrscheinliche Aktionen ausführen läßt, oder soll sie ihre Helden so umgestalten, daß ihnen die gewünschte Reaktion möglich wird? Sayers entscheidet sich für eine Evolution ihrer Charaktere. Mit dieser Entwicklung beginnt nicht nur eine Veränderung der beiden Charaktere, die diese an Profil gewinnen läßt; sondern Sayers löst auch eine Veränderung einer ganzen Literaturrichtung aus.
Dorothy L. Sayers kann man ohne Zweifel als sehr ehrgeizige Frau betrachten.
Schon in ihrer Jugend hat sie durch Inszenierung kleiner Theaterstücke
im elterlichen Haus ihre Kreativität bewiesen. Im Anschluß an
ihre Oxfordausbildung strebt sie danach, diese Kreativität in professionelle
Bahnen zu lenken. Nach einem gescheiterten Versuch als Lehrerin - einem
Beruf, der ihr zuwider war - , findet sie eine Anstellung in der Werbebranche.
Dort kann sie ihrer Wortgewandheit, ihrer Freude an Wortspielen freien
Lauf lassen und ist beteiligt an vielen erfolgreichen Kampagnen.
Sayers entwickelt eine Leidenschaft für die Kriminalromane von
Wilckie Collins und Sheridan LeFanu. Sie ist begeistert von deren Fähigkeit,
die Lösung eines Kriminalfalles mit der Beschreibung der Gesellschaft
einer Epoche zu verbinden. In den Detektivromanen ihrer Zeitgenossen aber
sieht sie eine Stagnation des Genres. Sayers als ehrgeizige Frau will mit
ihren Werken mehr erreichen, als zu unterhalten. Sie will den Detektivroman
wieder zur Literatur machen.
Ihre ersten Werke bleiben jedoch den Romanen ihrer Zeitgenossen sehr
ähnlich. Obwohl sie sich schon von Anfang an mehr für die Hintergründe,
das Wie und Warum, als für das bloße Finden des Mörders
in alter Whodunnit-Manier interessiert hat, bleibt ihr Held Lord Peter
Wimsey oberflächlich. Aber er kommt der Aufgabe nach, für die
er geschaffen wurde: Er kommt für Dorothy L. Sayers’ Lebensunterhalt
auf. Nachdem Sayers sich einen Ruf als Detektivromanautorin erworben hat
und auch finanziell eine gewisse Sicherheit eingetreten ist, entsinnt sie
sich ihrer alten Ideale und geht mit der Veränderung ihres Helden
ein Risiko ein. Sie will nun nicht mehr nur kommerziell erfolgreich sein.
Sayers will, daß der Detektivroman wieder zum Instrument für
die Beschreibung sozialer Umstände wird. Ihm soll es wieder möglich
werden, Menschen einer Epoche oder einer bestimmten gesellschaftlichen
Schicht um ihrer selbst willen darzustellen. Zu diesem Zweck startet sie
den Versuch, dem Detektivroman die realistischen Züge einer novel
of manners, eines Gesellschaftsromans, zu verleihen. Sayers wünscht
sich auch, mit dem Detektivroman eine Botschaft transportieren zu können.
Ihr Anliegen, den Menschen die Bedeutung ihrer Arbeit, die sie täglich
leisten, wieder näher zu bringen, persönliche Integrität
als Lebensmittelpunkt zu verankern, läßt sich im Rahmen des
Detektivromans hervorragend umsetzen.
In der vorliegenden Arbeit soll dargestellt werden, inwiefern die Figur
der Harriet Vane auf den Detektiv Lord Peter Wimsey Einfluß nimmt
und wie dieser sich im Verlauf der Romane Whose Body? , Strong Poison
und Gaudy Night verändert.
Weiterhin soll gezeigt werden, auf welcher Basis Dorothy L. Sayers
operieren konnte, wie die Partnerin des Detektivs, Harriet Vane, zur Entwicklung
des Lord Peter Wimsey beiträgt, worin diese Entwicklung besteht und
mit welchen stilistischen Mitteln Dorothy L. Sayers arbeitet, um die Humanisierung
ihres anfangs noch marionettenhaften Helden zu erreichen. Zudem soll aufgezeigt
werden, daß damit auch eine Entwicklung des Detektivromans einhergeht.
In Dorothy L. Sayers’ erstem Roman Whose Body? lernen wir Lord Peter
Wimsey in seiner ursprünglichen Art kennen. Strong Poison ist
der Roman, in dem zum ersten Mal Harriet Vane eingesetzt wird. Gaudy Night
letztendlich ist das Werk, das am stärksten Sayers’ Botschaft vermitteln
soll, und zudem der Roman, in dem Harriet und Peter eine gemeinsame Basis
finden können. Darüber hinaus werden zum besseren Verständnis
weitere Werke Dorothy L. Sayers’ zitiert. Auch ihre Sachtexte werden herangezogen,
soweit sie für das Thema „Intellektuelle Integrität" relevant
sind.
In der kritischen Literatur findet man die verschiedensten Definitionen
für das Genre. Häufig wird auch zwischen Detektivroman, -erzählung
und -geschichte unterschieden. Ich habe mich dafür entschieden, in
dieser Arbeit nicht zwischen den drei genannten Kategorien zu unterscheiden.
Damit soll der Intention der Autoren Rechnung getragen sein, für die
Detektivromane zur gleichberechtigten Literatur zählen. Außerdem
soll auch festgehalten sein, daß eine Literaturgattung, in deren
Handlung Morde aufgeklärt werden, bei der die Opfer nicht immer bemitleidenswerte
Menschen sind, und in der Täter beweint werden, durchaus nicht eskapistisch
ist. Es werden Kritiker zu Wort kommen, die Sayers’ Werke mit Thomas Manns
Zauberberg vergleichen und Bachs Werke als Symbol für das Verhältnis
zwischen Harriet Vane und Lord Peter Wimsey heranziehen. Literaten werden
ihren Kommentar zu Detektivromanen geben und Philologen, die sich mit der
Detektivliteratur beschäftigen, werden den Verlust des Rätselromans
bedauern. Auch die moralische Seite des Detektivromans soll nicht unerwähnt
bleiben. Um mit Lord Peter Wimsey zu sprechen:
„‘(I)n detective stories virtue is always triumphant. They´re
the purest literature we have.’"
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