Dorothy L. Sayers und die ‘Detective Novel of Manners’
Vom Rätsel- zum Gesellschaftsroman
In der Reihe ihrer Lord-Peter-Wimsey-Abenteuer hat Dorothy L. Sayers, 1893 - 1957,  Dorothy L.Sayers Society dem Genre des Detektivromans ein neues Gesicht verliehen. Sie hat den Detektivroman von einer Spielerei mit der literarischen Bedeutung eines Kreuzworträtsels wieder zurück zum realen Gesellschaftsroman gebracht und dem Genre damit zu neuem Glanz verholfen.
Sayers hatte diese Ambitionen bereits, als sie mit Whose Body? ihre Karriere als Autorin von Kriminalliteratur begann. Doch, wie sie selbst eingesteht, war ihr erstes Werk eher konventionell und entsprach genau dem Klischee.
„When in a light-hearted manner I set out, fifteen years ago, to write the first ‘Lord Peter’ book, it was with the avowed intention of producing something ‘less like a conventional detective story and more like a novel’. Re-reading Whose Body? at this distance of time I observe, with regret, that it is conventional to the last degree, and no more like a novel than I to Hercules." 
Sayers’ erklärtes Ziel war es, den Detektivroman auf das Niveau von  Wilkie Collins  und  Sheridan Le Fanu  zurückzuführen. Diese beiden zeichnen sich in ihren Werken nicht nur als Meister der Spannung, sondern auch durch hervorragende Milieubeschreibungen aus. Dorothy L. Sayers versuchte, ihre Lord-Peter-Wimsey-Romane diesem Vorbild anzupassen. 
Dorothy L. Sayers’ Hang zum Gesellschaftsroman war zuerst in der liebevollen Beschreibung der in Nebenrollen agierenden kleineren Charaktere zu erkennen. Figuren wie der Architekt Thipps, der Angst hat einzugestehen, dass er in einem Nachtclub war, aber soviel Courage besitzt, einen Freund zu decken; die Künstlerkolonie in Five Red-Herrings;, der Pastor in The Nine Tailors; der bekehrte Safeknacker, der jetzt Laienprediger ist, in Strong Poison; oder die Künstler im gleichen Buch - sie alle sind mit einer Detailfreudigkeit beschrieben, die es dem Leser ermöglicht, Einblicke in die Gesellschaft des Großbrittaniens der zwanziger und dreißiger Jahre zu nehmen.
Der Detektivroman als realistischer Gesellschaftsroman beschreibt Menschen in problematischen Situationen, Menschen mit Gewissenskonflikten. Erreicht wird die Beschreibung der Gesellschaft durch das Eintreten von Chaos in Form eines Verbrechens in eine bestehende, funktionierende Gruppe. Der Detektiv hat die Funktion, die Ausgangsposition wiederherzustellen.
Bei Sayers haben die Protagonisten nicht nur die Aufgabe, ein Verbrechen mittels ihrer deduktiven Fähigkeiten aufzuklären. Sie müssen auch ihre Persönlichkeit einbringen, um eine übergeordnete Problematik zu verdeutlichen. 
Dorothy L. Sayers hat, wie ich meine, mit ihren Lord-Peter-Wimsey-Romanen der Detektivliteratur eine Menge neuer Impulse gegeben. Angefangen hat sie mit einem supermannähnlichen Detektiv, den sie, durch seine Beziehung zu Harriet Vane, mit so vielen Schwächen, Eigenarten und auch bewundernswerten Eigenschaften versehen hat, daß sich aus ihm über eine Anzahl von Jahren und Romanen eine menschliche Figur entwickeln konnte. In ihren Romanen beschreibt sie nicht nur Mordfälle, sondern, zum Beispiel in The Nine Tailors und Gaudy Night durchaus erfolgreich, auch soziale Gruppen und deren oft problematisches Zusammenleben. 

 

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