9. Schlußbetrachtung: Neue Möglichkeiten für den Detektivroman

Dorothy L. Sayers hat zwölf Detektivromane und eine Fülle von Kurzgeschichten geschrieben. In den meisten war Lord Peter Wimsey der Held. Am Anfang jedoch waren es die Nebencharaktere, die Sayers’ Romane zu einer Beschreibung ihrer Zeit werden ließen. Erst mit Harriet Vane kam die Realität auch in Lord Peters Leben. Durch sie konnte Sayers Wimsey zum Abbild eines realistischen Menschen machen. Seine Rolle des silly-ass-about-town wird als Maske entlarvt. Diese Maske dient ihm nicht nur als Tarnung seines Intellekts und seiner kriminalistischen Tätigkeit, sie ist auch Schutz gegen emotionale Angriffe. Der starke Mann, der Verbrecher mit eisernem Griff festhält, der den zumeist genialen Verbrechern überlegen ist, vor dem sich niemand verstecken kann, hat Angst, Harriet gegenüber seine Verletzlichkeit zu zeigen.

Durch Harriet zerlegt Sayers Wimsey in seine Komponenten und setzt ihn wieder neu zusammen. Dorothy L. Sayers läßt Harriet erkennen, daß hinter der Fassade des Superhelden ein menschliches Wesen steckt. Erst in Oxford, dem Sinnbild für intellektuelle Integrität, erfährt Harriet Vane, daß Peters größte Tugend in seiner Charakterfestigkeit liegt und in der Fähigkeit, seiner Partnerin die gleiche Qualität zuzubilligen. Sie lernt, daß es in einer Beziehung mit Wimsey möglich ist, ihrer eigenen Persönlichkeit treu zu bleiben. Genau das erwartet Wimsey sogar. Mehr noch, er verlangt von ihr, daß sie sich von ihren Vorurteilen und ihren vermeintlichen Zwängen und Limitierungen befreit, um ihre Individualität voll zu erfahren und auszuleben.

Für Wimsey ändert sich durch Harriet seine Einstellung zur Welt. Er erfährt eine neue Darstellungsform: Er wird, dadurch, daß Harriet Vane durch Dritte mehr über ihn erfährt, als sozial interessierter Mensch geschildert. Seine Rolle als Gelehrter kommt auch erst durch sein Auftreten in Oxford zum Ausdruck. Durch Harriet erfährt der Leser von der Eitelkeit Wimseys, die sich im Stolz auf seine schlanken Hände und sein durch Reggie Pomfret verletztes Ehrgefühl ausdrückt. Diese Punkte sind jedoch nur neu für den Leser, denn Dorothy L. Sayers hat die Ereignisse in die Vergangenheit projiziert, als wären sie schon immer Bestandteil von Wimseys Charakter gewesen.

Eine wirkliche Veränderung erfährt Wimseys Einstellung zu seinem kriminalistischen Hobby. Am Anfang noch ein wirkliches Hobby und ein Spiel, das vom Alltag ablenken soll, wird das Aufspüren von Verbrechern zu Wimseys Lebensaufgabe. Aus dieser definiert sich nicht nur seine soziale Relevanz, sondern auch die Befriedigung seiner Schaffenskraft. Hier kann er, ja muß er sogar, seine Kreativität benutzen, um eine persönliche Erfüllung zu finden.

Dorothy L. Sayers ist, als sie Strong Poison in Angriff genommen hat, sehr unzufrieden mit ihrer bisherigen Schöpfung. Wimsey ist ihr mittlerweile überdrüssig geworden.[1] Ein immer gleiches Repertoire an Gesten, Launen und Lösungen läßt nicht mehr viel Spielraum für Neues. Die Leser haben Wimsey gegenüber eine Erwartungshaltung entwickelt, die befriedigt werden will. Sayers jedoch ist keine Frau, die den Erwartungen anderer nachkommt. Sie will ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen. Da nun das bloße kommerzielle Auskommen gesichert ist, hat sie die Möglichkeit, wirkliches Neuland zu betreten.

Während sie Strong Poison schreibt, wird ihr klar, daß sich im Detektivroman Möglichkeiten auftun, die ihren eigenen Interessen nahe kommen. Immer schon hatte sie versucht, ihre eigene Lebensphilosophie auch in den Detektivromanen zu verarbeiten. Erst mit Gaudy Night sollte ihr die Verbindung zwischen persönlicher Aussage und dem Gerüst des Detektivromans vollständig glücken. Sie versucht, im Detektivroman ihre Botschaft, daß das Heil der Menschheit in der Rückbesinnung auf den Wert der eigenen Arbeit liegt, zum Ausdruck zu bringen. Während ihrer frühen Romane klingt das Thema durch ihre Nebencharaktere an. Als sie sich aber entschließt, diese Aussage zum Schwerpunkt in der Beziehung zwischen Harriet und Peter zu machen, bekommt diese erst ihre wahre Tiefe.

Gaudy Night teilt das Lager der Kritiker in unterschiedliche Fraktionen. Die Liebhaber des alten Rätselromans verurteilen es als snobistische Attitüde und bedauern den Untergang eines Genre. Die Freunde des realistischen Gesellschaftsromans halten Wimsey in seiner Liebe für lächerlich. Vielen, wie zum Beispiel Raymond Chandler, geht Sayers’ Realismus nicht weit genug. Die Mehrheit jedoch begrüßt Sayers’ Bemühungen, dem Detektivroman ein weiteres Themenspektrum zu öffnen. Die Detektivromane der heutigen Zeit, zum Beispiel die Werke P.D. James’, sind Gesellschaftsromane, die den Rahmen einer Detektivgeschichte dazu benutzen, eine Botschaft zu übermitteln.[2] Mit der Entwicklung des Lord Peter Wimsey in Sayers’ Romanen hat der Detektivroman eine neue Lesart bekommen. Detektivromane lassen neben der Deutung der Oberflächenhandlung weitere Lesearten zu.[3] Nicht nur, daß dem Leser Einblicke in andere Gesellschaftsformen ermöglicht werden – es können auch philosophische Inhalte vermittelt werden.

So wie Lord Peter Wimsey sich durch seine Partnerin Harriet Vane verändert, indem er sich der Menschlichkeit öffnet, so verändert sich mit ihm der Detektivroman. Vom Rätselspiel, das nur unterhalten wollte, entwickelt sich der Detektivroman zum realistischen Gesellschaftsroman. Im Detektivroman siegt nicht immer das Gute über das Böse. Es ist durchaus möglich, die verschiedenen Schattierungen darzustellen. Auch ein Detektiv kann Achtung vor dem Mörder empfinden, seine Motive nachvollziehen, wenn er auch die Tat nicht billigen wird. Opfer können frühere Täter sein.

Der Detektivroman besitzt die Möglichkeit, eine Fülle von Themen aufzugreifen. Es kommt auf diese Art zu einer Schwerpunktverlagerung. Die Detektivgeschichte stellt nicht mehr den unbedingten Mittelpunkt dar, sondern vielmehr das Gerüst. Der Autor benutzt den Rahmen und die Eigenschaften des Detektivromans, um ein anderes Thema zu intensivieren. Der Mord, immer noch das am häufigsten benutzte Verbrechen in der Detektivliteratur, hat verheerende Auswirkungen auf die beschriebene Gesellschaft, weil Mord nicht nur ein Verbrechen am Menschen, sondern ein Verbrechen an der Menschheit ist. Der Autor kann sich diese Bedeutungsschwere zunutze machen. Indem er das Thema Mord mit seiner Botschaft verknüpft, kann er auch die Bedeutung seiner Botschaft hervorheben. Dem Leser wird deutlich gemacht, wie wichtig die Botschaft des Autors ist, wenn aus diesem Grund sogar ein Mord begangen wird.

Dorothy L. Sayers ist es gelungen, diese Eigenschaft des Detektivromans zu erkennen und zu nutzen. Lord Peter Wimsey und Harriet Vane sind von ihr zu Trägern einer Botschaft verwandelt worden.

8. Die Detective Novel of Manners

Literaturverzeichnis


[1]       Vgl. “Gaudy Night” (Essay), S. 210

[2]       Zur Entwicklung des Detektivromans nach 1945: Ira Tschimmel: Kriminalroman und Gesellschaftsdarstellung, Eine vergleichende Untersuchung zu Werken von Christie, Simenon, Dürrenmatt und Capote, Bonn: Bouvier, 1979

[3]       Vgl. Miriam Brody: “The Haunting of Gaudy Night: Misreadings in a Work of Detective Fiction”in:Style”, Vol. 19, Nr.1, S. 94-116, DeKalb, Illinois, 1985. Hier werden in einer destruktivistischen Leseart der Täter als Autor und der Detektiv als Leser von Zeichen gedeutet.