5. Die Metamorphose des Lord Peter Wimsey

Einen Helden durch eine Reihe von Büchern zu tragen, birgt die Gefahr in sich, daß dieser an Originalität verliert.[1] Seine Tricks sind begrenzt, seine Art, sich zu verhalten, verändert sich nicht. Immer mehr Charaktere kommen in weiteren Bänden dazu und verhindern, daß der Held im Mittelpunkt steht. Auch Wimsey muß erfahren, daß nicht immer er den Hauptteil eines Romans bestreiten kann. So sind Miss Climpson in Unnatural Death und Harriet Vane in Have His Carcase und Gaudy Night die zentralen Charaktere. Harriet Vane stellt nicht nur eine Figur in einem Detektivroman dar, sie ist viel mehr – wie im vorigen Abschnitt ausführlich dargestellt – die Personifikation der modernen Frau, wie Dorothy L. Sayers sie sich wünscht. Sie steht im Leben, ist selbstbewußt, weiß, daß sie gute Arbeit leistet und ist stolz auf ihren Collegeabschluß.

Um diese Frau mit der Romangestalt Lord Peter Wimsey zu verheiraten, sah sich Dorothy L. Sayers gezwungen, diesen völlig  neu zu schaffen. Sie schreibt in ihrem Essay “Gaudy Night” über das Problem, das sich ihr am Ende von Strong Poison stellte, nämlich daß es ihr unmöglich war, eine akzeptable Lösung zu finden, wie Harriet Peters Heiratsantrag annehmen könnte, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

“So there were only two things to do: one was to leave the thing there, with the problem unsolved; the other, far more delicate and dangerous, was to take Peter away and perform a major operation on him. If the story was to go on, Peter had got to become a complete human being, with a past, a future, with a consistent family and social history, with a complicated psychology and even the rudiments of a religious outlook. And all this would have to be squared somehow or other with such random attributes as I had bestowed upon him over a series of years in accordance with the requirements of various detective plots.”[2]

Um diese Aufgabe zu erfüllen, erwies es sich als glücklicher Umstand, daß Lord Peter Wimsey von vornherein mit einer Reihe von Charakterzügen sowie Familie und Lebenslauf ausgestattet war.

Dorothy L. Sayers sagt über ihren “Patienten”:

“When I came to examine the patient, he showed the embryonic buds of a character of sorts. Even at the beginning he had not been the complete silly ass: he had only played the silly ass, which was not the same thing. He had had shell-shock and a vaguely embittered love-affair; he had a mother and a friend and a sketchy sort of brother and sister; he had literary and musical tastes, and a few well-defined opinions and feelings; and a little tidying-up of dates and places would put his worldly affairs into order.”[3]

Auf dieser Basis galt es nun aufzubauen. In Whose Body? erfahren wir bereits von Wimseys Wohlstand, Bildung, Hobbys. Wir erfahren von seinem traumatischen Erlebnis im Krieg und dessen Folgen. Wir wissen, daß er gern den Dummkopf spielt, um harmloser zu wirken. Wir erleben seine Gewissensbisse, wenn er für die Verurteilung der Täter sorgen muß. Damit ist bereits ein Grundstock geschaffen, der größer ist als bei den meisten Helden der Detektivliteratur.

In Strong Poison erlebenwir Wimsey verliebt, verzweifelt, mit Selbstmordgedanken, mit der Angst, sich zu verändern.

In der Entwicklung der Beziehung zwischen Peter und Harriet verändert sich während Have His Carcase nichts grundlegendes. Allerdings behandelt Wimsey Harriet als gleichberechtigte Partnerin, wenn auch die Aufklärung des Falles letztendlich ihm zufällt. Interessant ist auch, daß große Teile des Romans aus Harriets Sicht beschrieben werden. Dadurch erlebt der Leser Wimsey aus einer veränderten Perspektive.

Gaudy Night soll nun das Werk sein, in dem es gelingt, aus Lord Peter Wimsey, dem Helden, Lord Peter Wimsey, den Menschen, zu machen und eine Basis zu finden, auf der Harriet und Peter eine gemeinsame Beziehung eingehen können. Die emotionale Position, in der sich Harriet und Peter am Anfang von Gaudy Night befinden, ist dieselbe wie am Ende von Strong Poison. Nicolas Freeling definiert diese so:

“Harriet thinks of herself as damaged goods; she must not abuse generous instincts, must not palm off this devalued woman upon a rich and infatuated admirer. She asks for friendship, and Wimsey, unexpectedly human, lonely, with nothing in his existence but vanity and pretension, persists in asking for love. This uneasy and real dilemma is the position in the opening pages of Gaudy Night.”[4]

Die zentrale Figur in Gaudy Night ist Harriet Vane. Ihr ehemaliges College, das fiktive Shrewsbury College in Oxford, wird von mutwilligen Zerstörungen und anonymen, beleidigenden Briefen heimgesucht. Das aufzuklärende Verbrechen ist also keiner der spektakulären Morde, die den Lord-Peter-Wimsey-Abenteuern unter anderem von George Orwell unterstellt wurden.[5] Sayers wollte durch die Wahl eines weniger blutigen Verbrechens sichern, daß die Handlung sich ausschließlich im Rahmen des Colleges bewegen kann, ohne daß die Polzei hinzugezogen werden muß oder daß der Fall zu viel Publizität erhält. Das Verbrechen muß so gestaltet sein, daß die Angehörigen des Colleges ein besonderes Interesse daran haben, es aufzuklären. Verleumdung durch anonyme Briefe, Sachbeschädigung durch einen “Poltergeist” und Wandschmierereien scheinen nicht nur glaubwürdig, sondern setzen auch alle Personen gleichmäßig einem Verdachtsmoment aus.[6]

5.1 Harriet Vane als Medium zur Darstellung Wimseys

Gaudy Night beginnt, kurz bevor die ersten Fälle dieser Art auftreten. Harriet ist zur Shrewsbury Gaudy anläßlich der Enthüllung einer neuen Uhr eingeladen. Harriet, die seit ihrer Schulzeit nicht mehr in Oxford gewesen ist, kommt der Einladung widerstrebend, einer alten Freundin zuliebe, nach. Bereits während der Feierlichkeiten werden die Themen des Buches vorgestellt. Das erste Thema ist das wissenschaftliche Streben nach Wahrheit. Ein weiteres Thema ist das Finden einer Lebensaufgabe, was von Dorothy L. Sayers mit job oder work gleichgesetzt wird. Das dritte Thema ist die Frage, inwiefern sich Intellekt und Emotionen miteinander vereinbaren lassen und ob in einer zwischenmenschlichen Beziehung nicht einer der Partner auf seine intellektuelle Selbstverwirklichung verzichten muß. Diese Gedanken greift Harriet, nachdem sie nach London zurückgekehrt ist, in einem Gespräch mit Lord Peter Wimsey wieder auf. Harriet glaubt, daß man sich zwischen Intellekt und Emotionen entscheiden muß, Peter hält einen Kompromiß für möglich.[7]

Lord Peter Wimsey ist in weiten Teilen von Gaudy Night eine Randfigur. Anfangs erfahren wir nur, daß er sich viel außer Landes aufhält, während eines Falles verletzt worden ist und natürlich, daß er in regelmäßigen Abständen um Harriets Hand anhält. Das gibt Dorothy L. Sayers die Gelegenheit, erstens Harriets Situation ausführlich darzustellen, zweitens Lord Peter zu zeigen, wie Harriet ihn sieht, und drittens Lord Peter zu beschreiben, wie ihn Dritte Harriet gegenüber schildern.

Da Harriet die emotionale Seite in Sayers’ Romanen verkörpert, erfahren wir durch sie mehr über den Menschen Lord Peter Wimsey. Sein Erscheinungsbild beginnt immer mehr einem realen Menschen zu ähneln. Kenney schreibt hierzu:

“[Wimsey´s] portrayal since Have His Carcase had been increasingly subtle, primarily because Sayers had begun to scrutinize him through Vane´s eyes. This shift makes the later novels at once more intimate and more realistic, for Vane´s proximity to Wimsey and her confused interest in him moves readers closer to this once distant and larger-than-life-hero. Wimsey´s unsuccessful attempts to woo Vane also humble the former superman, who has been used to getting whatever he wants.”[8]

So lesen wir zum Beispiel über Peters Verhältnis zu seinem Neffen Viscount Saint-George, der als junger Student gerade in Oxford lebt. Harriet begegnet diesem, als sie eines Morgens aus der Kirche kommt, in der sie Ruhe gesucht hatte. Die Stille in der Kirche kontrastiert die Lebhaftigkeit Gerald Wimseys, der Harriet erst umrennt und dann mit einem, auch für seinen Onkel Peter so typischen Redeschwall auf sie eindringt. Durch Gerald erfährt Harriet von Peters angespanntem Verhältnis zu seiner Schwägerin, seiner Abneigung gegen die Möglichkeit, den Titel seines Bruders übernehmen zu müssen, seiner Gutmütigkeit gegenüber seinem Neffen und schließlich von einer vergangenen Liaison mit einer Wiener Sängerin.[9]

Für diesen Neffen übernimmt Harriet später einen Teil seiner Korrespondenz, da er sich bei einem Autounfall verletzt hat und nicht schreiben kann. In einem vorangegangenen Brief an Peter hatte Saint George seinen Onkel um Geld gebeten, um überfällige Schulden begleichen zu können. Harriet liest dem jungen Wimsey die Antwort auf seine Bitte vor. Peter zeigt sich in seinem Antwortbrief großzügig, aber auch patronisierend. Der Brief repräsentiert für Harriet alles, was sie an Peter verabscheut. Aber gleichzeitig verändert er ihre Position zu Wimsey. Denn sie erfährt Sachen über ihn, die seine Privatsphäre betreffen, und erstmals fühlt sie sich ihm überlegen.

“In fact, for the first time in their acquaintance, she had the upperhand of Wimsey, and could rub his aristocratic nose in the dirt if she wanted to. Since she had been looking for such an oppurtunity for five years, it would be odd if she did not hasten to take advantage of it.”[10]

Aber letztendlich ist sie doch eher auf seine Gefühle und sein Ehrempfinden bedacht und bemüht sich, einen passenden Antwortbrief zu verfassen.[11]

Eine weitere Quelle der Information, sowohl für Harriet als auch für den Leser, ist ein alter Freund Peters, Freddy Arbuthnot, dem sie während der Semesterferien in London begegnet. Von ihm erfahren wir, daß Wimsey gelegentlich für das Foreign Office in diplomatischer Mission tätig ist.[12] Das wird allerdings bereits zuvor angedeutet, wenn wir Lord Peter beim Lesen eines Briefes von Harriet beobachten können.

Dorothy L. Sayers macht sich also die Abwesenheit Wimseys zu nutze, um Harriet einen Wimsey erfahren zu lassen, den weder sie noch der Leser zuvor kannten.

Margaret P. Hannay beschreibt diese Technik:

“By her skilful use of Harriet´s perspective Sayers lulls the readers into thinking there is a good reason for them not to have seen this side of Peter before. The truth is, of course, that these weaknesses did not exist before this novel, but they have been skilfully projected back into the past.”[13]

5.2  Wimsey als Akademiker

Wenn Lord Peter Wimsey endlich in Oxford erscheint, unerwartet, denn er wird in Warschau vermutet – erlebt Harriet ihre größte Überraschung. Sie begegnet ihm in Begleitung des Masters of Balliol, ausgestattet mit allen äußerlichen Insignien eines Oxfordabsolventen.[14] Er ist in eine geschichtliche Diskussion verstrickt, in der er als gleichberechtigter Partner mit Sachverstand ausgestattet akzeptiert wird. Auch die Dekanin vom Shrewsbury College, mit der Harriet die Universitätsandacht besucht hatte, ist nicht im geringsten von Lord Peters akademischer Seite überrascht. Harriet schämt sich fast ihrer Ignoranz Wimsey gegenüber, den sie offenbar bisher nur oberflächlich eingeschätzt hat.

Auch dem Leser ist dieser Wimsey neu, der sich wie selbstverständlich zwischen Gelehrten bewegen kann, weil er zu ihnen gehört. Natürlich wußte man bereits aus vorangegangenen Büchern, daß Wimsey studiert hat und vielseitig gebildet ist. Aber als Akademiker war er bisher nicht in Erscheinung getreten.

Bei ihrem ersten alleinigen Treffen im Zimmer der Dekanin erleben wir Wimsey erschöpft von seinen diplomatischen Aufgaben. Wie wir bereits zuvor erfahren haben, war er in Italien.[15] Dort wurde er von einem nicht näher bezeichnetem Count als Verhandlungspartner gesucht, von dem er in einer Unterhaltung mehr Informationen bekam als dieser sich bewußt war zu geben. Wimsey übte sich also in einer Agententätigkeit. Bei ihrer Begegnung spielt er seine diplomatische Aufgabe jedoch in gewohnter Manier herunter. Er gesteht allerdings ein, daß es sein Auftrag sei, durch seine unterhaltsame Art der Konversation “geradezubiegen”, was andere verdorben hatten. Deutlich wird zudem, daß Wimsey um die Entwicklung Europas besorgt ist. Er befürchtet, daß es zu einem neuen Krieg kommt.[16]

Wenn sie sich treffen, tragen beide noch immer die äußerlichen Merkmale ihrer Gelehrtenwürde, nämlich die Kappe und den Umhang. Bei ihrer Unterhaltung legen sie diese natürlich ab. Bei seinem überhasteten Aufbruch verwechselt Peter seinen Umhang mit Harriets. Harriet sagt zu sich selbst:

“‘Bless the man, if he hasn´t taken my gown instead of his own! Oh, well it doesn´t matter. We´re much of a height and mine´s pretty wide on the shoulders, so it´s exactly the same thing.’

And then it struck her as strange that it should be the same thing.”[17]

Deutlich spielt Sayers hier auf die intellektuelle Ebenbürtigkeit der beiden Protagonisten an. Für Harriet ist diese Vorstellung noch neu.

In der Person des Pförtners Padgett begegnet Peter einem Bekannten aus dem vorangegangen Krieg. Er erkennt Wimsey, als dieser nach einem Dinner von Harriet zum Tor begleitet wird. Padgett gehörte zu der Einheit des Major Wimsey, und war einer der Männer, die Peter befreiten, als dieser bei einem Angriff lebendig begraben wurde. Padgett verehrt Wimsey sehr. Er erzählt sogar, daß er sich einmal für ihn geschlagen habe, als ein anderer Soldat Wimsey hinter dessen Rücken beleidigt hatte.[18]

Bei einer Bootsfahrt zu zweit erkennen Harriet und Peter neue Gemeinsamkeiten. Beide heben sich deutlich von den Studenten ab, die sich ebenfalls auf dem Fluß die Zeit vertreiben. Erstens sind sie viel konservativer gekleidet – Harriet natürlich nicht im Badeanzug, sondern in weißem Leinen, Peter wählt traditionelle, der Vorkriegsmode entsprechende Kleidung statt moderner Shorts. Außerdem messen sich beide in der Kunst des Stakens und strafen die studentischen Neulinge mit Verachtung.

Sie begegnen dabei einem Schulfreund Wimseys, Mr. Peake, der eine Anekdote zum Besten gibt. Er erzählt, wie zu ihren gemeinsamen Studientagen Wimsey von den Kommilitonen als Sehenswürdigkeit vorgeführt wurde.

“‘You know,’ said Mr. Peake to the world at large, ‘when we were up together – shocking long time ago that is – never mind! If anyone got landed with a country cousin or an American visitor who asked, as these people will, ”What is this thing called the Oxford manner?” we used to take ´em round and show ´em Wimsey of Balliol. He fitted in very handily between St. John´s Gardens and the Martyr´s Memorial.’

‘But suppose he wasn´t there, or wouldn´t perform?’

‘That catastrophe never occured. One never failed to find Wimsey of Balliol planted in the centre of the quad and laying down the law with exquisite insolence to somebody.’

Wimsey put his head between his hands.

‘We were accustomed to lay bets,’ went on Mr. Peake, who seemed to have preserved an undergraduate taste in humour, owing, no doubt, to continuous contact with First-Year mentality, ‘upon what they would say about him afterwards. The Americans mostly said, ”My, but isn´t he just the perfect English aristocrat!” but some of them said, ”Does he need that glass in his eye or is it just part of the costoom ?”’

Harriet laughed, thinking of Miss Schuster-Slatt.

‘My dear -’ said Mrs. Peake, who seemed to have a kindly nature.

‘The country cousins,’ said Mr. Peake remorselessly, ‘invariably became speechless and had to be revived with coffee and ices at Buol´s.’

‘Don´t mind me,’ said Peter, whose face was invisible except for the tip of a crimson ear.”[19]

Der arme Wimsey wird hier der Lächerlichkeit preisgegeben, ausnahmsweise ohne daß er aus eigenem Antrieb in die Rolle des buffoons schlüpft, und das ausgerechnet in der Gegenwart der Frau, die er liebt. So bröckelt wieder etwas vom Podest des Superhelden. Sayers arbeitet hart an der Imageveränderung Wimseys. Er ist nicht makellos, er hat eine Jugend gehabt, in der ihn andere vorgeführt haben und es ist ihm heute peinlich, daran erinnert zu werden.

Harriet wird dieser menschlichere Wimsey viel zugänglicher und sympathischer. Als sie ihn etwas später, während er ihre Aufzeichnungen über den Fall studiert, beobachtet, fallen ihr viele Kleinigkeiten auf, die nur einem verliebten Menschen auffallen: die kleinen Lachfältchen, die goldenen Härchen auf den Wangen, der kleine zuckende Muskel in der Ecke des sensiblen Mundes. Wimsey blickt auf, und Harriet errötet. Nun erst wird ihr klar, was sie im tiefsten Inneren schon wußte, was sie sich aber bisher nicht einzugestehen gewagt hatte: Sie liebt Wimsey. Als der erschöpfte Peter im Boot einschläft und vor ihr in seiner ganzen Verletzlichkeit und Angreifbarkeit liegt, wird der Schlaf zum Test für Harriets Gefühle. Empfindet sie ihn, in der Öffentlichkeit schlafend, als lächerlich? Nein, sie will seinen Schlaf beschützen, erbost sich, als sie von einem anderen Boot gerammt werden und Peter dadurch geweckt wird. Ohne sein Zutun hat Peter etwas von seiner Privatsphäre eingebüßt. Harriet entdeckt die neue Intimität und will etwas weiter in ihn dringen, etwas über seine Liebe zur Literatur erfahren, seine Vorlieben für bestimmte Bücher. Peter jedoch blockt ihre Fragen ab und sie muß feststellen, daß sie an die Grenzen seiner Bereitschaft gestoßen ist, etwas über sich preiszugeben.

Lord Peter Wimsey wird auch als Objekt der körperlichen Begierde Harriets dargestellt:

“[Harriet] had first met Peter at a moment when every physical feeling had been battered out of her by the brutality of circumstance; by this accident she had been aware of him from the beginning as a mind and spirit localised in a body. Never- not even in those later dizzying moments on the river – had she considered him primarily as a male animal, or calculated the promise implicit in the veiled eyes, the long, flexible mouth, the curiously vital hands. Nor, since of her he had always asked and never demanded, had she felt in him any domination but that of the intellect. But now, as he advanced towards her along the flower-bordered path, she saw him with new eyes – the eyes of the women who had seen him before they knew him – saw him, as they saw him, dynamically. Miss Hillyard, Miss Edwards, Miss de Vine, the Dean even, each in her own way had recognised the same thing: six centuries of possessiveness, fastened under the yoke of urbanity.”[20]

Hier beginnt auch Harriets Sexualität eine Rolle in ihrem Auftreten gegenüber Wimsey zu übernehmen. Bereits in Strong Poison verkündet Peter, daß er Referenzen über seine Liebestechnik vorweisen könne,[21] und in Busman´s Honeymoon wird nach der Hochzeitsnacht angedeutet, daß Harriet Peter verdächtigt, am ersten Morgen ihrer Ehe nicht zu wissen, wer mit ihm im Bett liegt.[22]

Das große Thema von Gaudy Night heißt jedoch intellektuelle Integrität. Als Dorothy L. Sayers sich mit dem Gedanken getragen hatte, einen Oxford-Roman zu schreiben, hatte sie sich gefragt, was das Wichtigste sei, das man einer universitären Ausbildung zu verdanken habe.[23] Sie kommt zu dem Schluß, daß es die intellektuelle Integrität ist, die gleichzeitig die Grundlage für jedwede Wissenschaft bildet. Die Möglichkeit, dieses Thema in einer Detektivgeschichte unterzubringen, war für Sayers die Gelegenheit, endlich ihre persönliche Wahrheit zu verkünden. Außerdem beinhaltet dieses Thema die Lösung der Probleme, die sie mit der Beziehung ihrer Romancharaktere hatte.

“Allein auf der intellektuellen Plattform,” so Sayers, “können Harriet und Peter gleichberechtigt sein.”[24]

Um auch der Detektivgeschichte Plausibilität verleihen zu können, mußte das Motiv die Überlegenheit des Intellekts über die Emotionen betonen.

“(…) it was necessary for my theme that the malice should be the product, not of intellect starved of emotion, but of emotion uncontrolled by intellect. And to knit the plot tight it must be more than this: it must be emotion revenging itself upon the intellect for some injury wrought by the intellect upon the emotions.”[25]

5.3  Integrität als Basis einer Beziehung

Dorothy L. Sayers gibt im Anschluß an die Flußszene Hinweise auch über ihre eigenen Absichten mit Gaudy Night. Harriet spricht mit Peter über ihre Probleme mit ihrem neuen Roman. Sie erzählt ihm die ganze Geschichte und Peter fällt auf, daß das Problem bei Winfried, einer ihrer Figuren, liegt. Wimsey sagt, daß dieser sich völlig unnatürlich verhalte, was daran liege, daß Harriet die menschliche Verhaltensweise unberücksichtigt lasse. Sie stimmt ihm zu. Um glaubwürdige Gestalten zu schaffen, muß sie ihren Schreibstil verändern. Peter sagt ihr wie:

“‘You would have to abandon the jig-saw kind of story and write a book about human beings for a change.’

‘I´m afraid to try that, Peter. It might go too near the bone.’

‘It might the wisest thing you could do.’

‘Write it out and get rid of it?’

‘Yes.’

‘I´ll think about that. It would hurt like hell.’

‘What would that matter, if it made a good book?’”[26]

Erstens beschreibt Sayers die Schwierigkeit, eine emotionale Handlung glaubwürdig in einer Detektivgeschichte unterzubringen, und zweitens betont sie die Verpflichtung, gute Arbeit zu leisten. Was Harriet wundert, ist, daß Peter ihrer Arbeit so viel Bedeutung beimißt und daß er nicht in eine Beschützerrolle fällt.

“The protective male? He was being about as protective as a can-opener.”[27]

Damit gesteht Wimsey Harriet ihre Selbständigkeit zu. Das setzt für Harriet eine mögliche Beziehung in ein ganz neues Licht. Eine Ehe, in der beide, auch intellektuell, gleichberechtigte Partner sind, hat sie bis dahin für unmöglich gehalten. Mit dem Wimsey der früheren Bücher wäre das auch kaum möglich gewesen.[28]

Wimsey sieht auch die physische Gefahr, in der Harriet sich befindet. Um ihr aber ihre Selbständigkeit zu lassen, spielt er sich auch in diesem Fall nicht als der männliche Beschützer auf. Er unterstützt sie zwar insofern, daß er sie berät, wie sie sich selbst schützen kann, indem er ihr Selbstverteidigung beibringt und ein Hundehalsband als Schutz gegen einen Würger kauft, läßt sie aber das volle Risiko tragen.[29] Auf diese Art und Weise macht Wimsey es Harriet möglich, ihre vermeintliche Schuld an ihm abzutragen.[30]

Eine der menschlichsten Seiten, die Sayers Wimsey zugesteht, ist seine Eifersucht.

Harriet hat in Oxford den jungen Studenten Reginald Pomfret in einer für ihn kompromittierenden Situation kennengelernt. Pomfret hilft nachts einer angetrunkenen Studentin, heimlich über die Mauer zurück ins College zu gelangen. Harriet erwischt ihn dabei, läßt aber Gnade vor Recht ergehen, allerdings mehr, um der Studentin zu helfen. Pomfret entwickelt eine Schwärmerei für Harriet und macht ihr sogar einen Heiratsantrag. Als Peter mit Harriet in einem Antiquitätengeschäft für sie ein Set Schachfiguren kaufen will, begegnet ihnen Pomfret, leicht angetrunken.[31] Wimsey singt in diesem Moment aus einer übermütigen Laune heraus ein Liebeslied für Harriet. Pomfret hört das Lied und mißversteht dessen Text als Anspielung auf seinen abgelehnten Heiratsantrag. Er greift Wimsey zunächst verbal, dann tätlich an. Wimsey reagiert sehr erregt – zum einen wegen des Angriffs an sich, zum anderen, weil er durch Pomfrets Ungestüm merkt, daß er alt wird. In seiner Erregung ist Wimsey versucht, Pomfret zum Duell zu fordern. Harriets Erklärung kann ihn jedoch besänftigen, und er schreibt Pomfret einen Brief, der diesem die Situation erklären soll. Später sprechen sich die beiden aus, und Pomfret wendet sich mit seinen Gefühlen der Studentin zu, durch die Harriet und er sich ursprünglich kennengelernt hatten.

Wimsey ist in dieser Episode sehr emotional und gibt Harriet gegenüber mit den von ihm bestrittenen Duellen an. Trotz dieses Rückfalles in die Pose des Supermannes finden Harriet und Peter am Ende zueinander.

Der Unterschied zu früheren Erscheinungsformen des Superhelden Wimsey ist hier, daß er sich in dieser Haltung selbst als lächerlich empfindet. Er weiß, daß er angibt. Aber er spürt, obwohl er gezeigt hat, daß er Pomfret körperlich und moralisch überlegen ist, ein Gefühl der Schwäche. Er spürt sein Alter und seine körperliche Kleinheit. Er ist in seiner Eitelkeit verletzt.

Bei dem Dinner mit den Dons des Shrewsbury College, bei dem Wimsey diese zum ersten Mal alle gemeinsam trifft und zum überwiegenden Teil auch erst kennenlernt, brilliert er durch subtile Verhörtechnik und Redekunst.[32] Sogar Miss Hillyard, die männerfeindliche Geschichtsprofessorin, kann von ihm gewonnen werden. Als Dr. Baring, die Direktorin des Colleges, Wimsey auf das Thema Philosophie, ihr persönliches Fachgebiet, bringen will, gesteht er ein, daß er sich dort nicht genug auskenne, um eine kompetente Meinung abgeben zu können. Dadurch gewinnt er enorm an Ansehen. Geschickt bringt er das Thema auf das von ihm vermutete Motiv für die mysteriösen Vorkommnisse im College. Er nimmt an, daß jemand durch seine Unnachgiebigkeit in wissenschaftlichen Fragen einen anderen so verletzt haben müsse, daß dieser einen unbändigen Groll hege. Tatsächlich hat Miss de Vine, als sie Dekanin eines anderen Colleges war, einen Kollegen entlarvt. Dieser hatte einen Brief unterschlagen, um seine These zu stützen, die ihm eine gesicherte Anstellung verschafft hätte. Nachdem Miss de Vine, die dem Gremium angehörte, das über die Anstellung des Kollegen zu befinden hatte, ihre Kenntnis um diesen Brief publik gemacht hatte, war die Karriere des Mannes zu Ende. In akademischen Kreisen wurde nie wieder etwas von ihm gehört.

Sayers führt Wimsey dreimal in Versuchung, das Prinzip der Integrität zu verletzen, indem er eine Schwäche Harriets ausnutzt, um sie so für sich zu gewinnen. Das erste Mal bei der gemeinsamen Bootsfahrt, als Harriet ihre Liebe erkennt und rot wird, als Peter sie ansieht. Er wendet sich, statt die Gelegenheit zu nutzen, wieder ihren Aufzeichnungen zu. Denn er weiß, das alte Problem, daß Harriet sich ihm unterlegen fühlt, weil sie meint, ihm Dankbarkeit zollen zu müssen, ist noch nicht beseitigt. Das zweite Mal, im Botanischen Garten, warnt er sie vor den Auswirkungen, die devote Liebe, wie in dem Motiv für die Verbrechen, haben kann.

“‘(…) of all devils let loose in the world there was no devil like devoted love.’”[33]

Das dritte Mal widersteht Peter, als Harriet sich seinem Schutz unterwerfen will, nachdem ihre geliebten Schachfiguren zerstört worden sind.[34]

Peter muß der Versuchung widerstehen, denn nur gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung können das Dilemma lösen, in dem Harriet und Peter sich seit Strong Poison bewegen. Sayers beschreibt ihre Absichten so:

“Peter´s honesty of mind had to tell him that if Harriet accepted him under any sort of misapprehension, or through any insincerity on his part, they would be plunged into a situation even more false and intolerable than that from which they started. She must come to him as a free agent, if she came at all, and must realize that she was independent of him before she could bring him her dependence as a willing gift.”[35]

Die Lösung des Falles gefährdet in starkem Maße die Beziehung zwischen Harriet und Peter. Am Anfang des Buches hatten die beiden bei einem Abendessen darüber gesprochen, ob es möglich sei, in einer Partnerschaft Intellekt und Emotionen zu verbinden. Harriet war der Ansicht, daß solch eine Verbindung zu katastrophalen Folgen führen muß. Im weiteren Verlauf zeichnet sich immer deutlicher ab, daß das Motiv der Täterin im Zusammenhang mit dem Konflikt Intellekt-Emotionen steht. Peter hat das recht früh erkannt und fürchtet, daß Harriet diesen konkreten Fall als Beweis für ihre These nehmen könnte.

“They were half-way across the quad when he said suddenly:

‘Harriet. Do you really prize honesty above every other thing?’

‘I think I do. I hope so. Why?’

‘If you don´t, I am the most blazing fool in Christendom. I am busily engaged in sawing off my own branch. If I am honest, I shall probably lose you altogether. If I am not-’

His voice was curiously rough, as though he were trying to control something; not, she thought, bodily pain or passion, but something more fundamental.

‘If you are not,’ said Harriet, ‘then I shall lose you, because you wouldn´t be the same person, would you?’”[36]

4. Die Rolle der Frau bei Dorothy L. Sayers

6. Der Wert der Arbeit und intellektuelle Integrität


[1]       Vgl. Hanna Charney: The Detective Novel of Manners, Hedonism, Morality and the Life of Reason, S. 105, Rutherford: Fairleigh Dickinson University Press, 1981

[2]       “Gaudy Night” (Essay), S. 211

[3]       Vgl. Ibid, S. 211

[4]       Nicolas Freeling: Criminal Convictions, Errant Essays on Perpetrators of Literary Crime License, S. 124, London: Owen, 1994

[5]       Vgl. George Orwell: “Raffles and Miss Blandish”, S. 237 in Collected Essays, S. 233-247, London, 1961

[6]       Vgl. “Gaudy Night” (Essay), S. 213

[7]       Vgl. Gaudy Night S. 65 f.

[8]       Kenney, S. 84

[9]       Vgl. Gaudy Night S.165

[10]      Ibid, S. 181

[11]      Vgl. Hannay, S. 47

[12]      Vgl.Gaudy Night S. 212

[13]      Hannay, S. 48

[14]      Vgl. Gaudy Night, S. 263 f.

[15]      Ibid, S. 210

[16]      Gaudy Night wurde 1935, also zwei Jahre nach der Machtergreifung Hitlers und vier Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges veröffentlicht.

[17]      Ibid, S. 272 f.

[18]      Vgl. ibid, S. 335ff.

[19]      Gaudy Night, S. 275 f.
Miss Schuster-Slatt ist eine ehemalige amerikanische Kommilitonin Harriets.

[20]      Ibid, S. 393

[21]      Vgl. Strong Poison. S. 46

[22]      Vgl. Busman´s Honeymoon, S. 69

[23]      Vgl. “Gaudy Night”(Essay), S. 212 f.

[24]      Vgl. ibid, S. 213

[25]      Ibid, S. 214

[26]      Gaudy Night, S. 291

[27]      Ibid, S. 291

[28]      Vgl. Patricia Craig & Mary Cadogan: The Lady Investigates, S. 193, London: Gollancz, 1981

[29]      Vgl. Gaudy Night, S. 361-364

[30]      Vgl. Lewis, S. 71

[31]      Vgl. ibid, S. 365-373

[32]      Vgl. ibid, S. 309-332

[33]      Ibid, S. 379

[34]      Vgl. Gaudy Night, S. 386

[35]      “Gaudy Night”(Essay), S. 216

[36]      Gaudy Night, S. 334