2. Die klassische Detektivgeschichte

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist für die Detektivgeschichte in Großbritannien die Goldene Ära.[1] Die Detektivgeschichte hat sich nach Edgar Allen Poes Beispiel zu einer Literaturgattung entwickelt, die festen Regeln unterliegt.

In seinen fünf Kurzgeschichten, die sich dem Genre Detektivgeschichte zuordnen lassen, nämlich The Murders in the Rue Morgue (1841), The Mystery of Marie Rogêt (1842-43), The Purloined Letter (1845), The Gold Bug (1843)und Thou Art The Man (1844),[2]hat Poe den Rahmen für die Detektivgeschichte festgelegt.[3] In diesen fünf Geschichten kommen bereits die meisten der späteren festen Themen vor, die für lange Zeit bestimmend für die Detektivgeschichte sein werden.[4] In The Murders in the Rue Morgue haben wir es mit einem locked-room-mystery zu tun, wo ein Mord in einem scheinbar vom Mörder nicht zu verlassendem Raum verübt wird. In The Mystery of Marie Rogêt finden wir den intellektuellen Detektiv, der sich nur auf seine mentalen Fähigkeiten verläßt und das Verbrechen aufklärt, ohne seinen Sessel zu verlassen. The Purloined Letter kommt durch seinen Schauplatz einer Agentengeschichte nahe und behandelt das Problem, daß das Offensichtliche am ehesten übersehen wird. Diese drei Geschichten stellen denselben Helden vor, den Amateurdetektiv Auguste Dupin, der schlauer ist als die Polizei. Der namenlose Erzähler der Geschichten ist das Modell des späteren Watson-Charakters von Sir Arthur Conan Doyle, der in so vielen Varianten als Freund, Helfer und Chronist des Detektivs in Erscheinung treten sollte.

In The Gold Bug begibt sich der Held mit Hilfe einer chiffrierten Karte auf Schatzsuche und in Thou Art The Man ist der am wenigsten Verdächtigte der Schuldige.

Im Jahre 1928 haben S.S. Van Dine mit Twenty Rules for Writing Detective Stories[5] und Ronald A. Knox mit A Detective Story Decalogue[6] ein Regelwerk geschaffen, das die Limitierungen dieses Genres beschrieb. Diese Regeln beinhalten Punkte wie: der Leser muß jederzeit die gleiche Einsicht in die Beweise haben wie der Detektiv, von Lösungen, die Zauberei, Hellseherei oder weibliche Intuition benutzen, ist Abstand zu nehmen. Diese fair-play-rules sollen für Fairneß gegenüber dem Leser sorgen. Sie sollen es ihm ermöglichen, eigenständig mit den ihm gelieferten Informationen die Identität des Täters zu entschlüsseln. Weiterhin sind aber auch Regeln zu finden, die einer Entwicklung der Detektivgeschichte im Wege stehen, wie: eine Detektivgeschichte darf keine Liebesgeschichte enthalten, oder: der Detektiv darf nie der Mörder sein.

“There must be no love interest. The business in hand is to bring a criminal to the bar of justice, not to bring a lovelorn couple to the hymeneal altar.”[7]

Diese Regeln sollten die Qualität der Detektivgeschichte sichern, die durch die immense Anzahl von Autoren und Veröffentlichungen gefährdet war, und sie sollten den Unterschied zwischen der Detektivgeschichte als Literatur und den Detektivgeschichten als Konsumgut in den Groschenromanen verdeutlichen.

Sie bedeuteten allerdings auch, daß sich die Detektivgeschichte dadurch in einem engen Rahmen bewegen mußte. Sie wurde zu einem reinen Gedankenspiel, in dem es nur darauf ankam, gleiche Inhalte in immer wieder neue Verpackungen zu bringen. Daraus resultierte eine für den Detektiv typische Distanziertheit. Der Detektiv konzentriert sich auf die Lösung eines Mysteriums, wird aber nicht mit dem menschlichen Leid und den Emotionen seiner Mitstreiter oder Gegenspieler verbunden.
Kathleen Gregory Klein beschreibt den Rätselspiel-Charakter des Detektivromans so:

“The classic detective story, at its peak in the years between the two world wars, has several distinct and unchallenged characteristics, most importantly it is a puzzle or an intellectual game – with heavy emphasis laid on game, where minimal attention is paid to physical sufferings of the victim or even the probable fate of the murderer.”[8]

Die Detektive in dieser Zeit ähneln sich sehr. Es gibt nur wenige unterschiedliche Kategorien. So gibt es den wissenschaftlich arbeitenden Sherlock Holmes-Typus des Privatdetektivs mit seinem naiven Partner; den Typus der Denkmaschine, der ohne physische Aktivität nur mit Hilfe seiner mentalen Fähigkeiten zur Lösung kommt; den Miss-Marple-Typ der alten Dame, in der Regel unverheiratet, die durch Beobachtung in ihrem Alltag Einblicke in die menschliche Psyche gewonnen hat und so Verbrechen aufklärt; und es gibt den Typ des wohlhabenden, gebildeten, ebenfalls unverheirateten, durchtrainierten Mannes, der als Amateurdetektiv immer schlauer ist als die Polizei. Allen gemeinsam ist jedoch, daß sie als Beschützer der Schwachen und ungerecht Beschuldigten die Nachfolge der mythischen Helden und mittelalterlichen Ritter antreten.[9]

Zu dem Typ des reichen Lebemannes, der als Amateurdetektiv fungiert, gehört auch Philip Trent aus E. C. Bentleys Trent´s Last Case.[10] E. C. Bentley schuf seinen Helden, um sich über eben diesen Typus lustig zu machen.[11] So irrt Trent sich auch bei der Lösung seines Falles.

Die Figur des Philip Trent wurde allerdings beim Leser so beliebt, daß Bentley weitere, chronologisch vorher angesiedelte Fälle seines Protagonisten veröffentlichte. Diese Popularität erklärt sich aus der humorvollen Darstellung des Helden und der Verknüpfung der Detektivgeschichte mit einer Romanze.

Trents Vorbild beeinflußte Dorothy L. Sayers bei der Schaffung ihres Helden, Lord Peter Wimsey.

2.1  Lord Peter Wimsey: ein gattungskonformer Detektiv?

Lord Peter Wimsey ist der 1890 geborene, jüngere Sohn des Dukes of Denver.[12] Er hat eine Ausbildung am Balliol College in Oxford genossen und sein Studium der Geschichte mit Auszeichnung abgeschlossen. Während seines Studiums entwickelte er sich zum Athleten und hervorragenden Cricketspieler. Er beherrscht mehrere Sprachen. Während des letzten Jahres des Ersten Weltkrieges wird er bei einem Bombenangriff verschüttet, was nach Kriegsende häufige, später nur noch in Streßsituationen auftretende Nervenzusammenbrüche – shell-shocks – zur Folge hat. In diesen Situationen steht ihm sein ehemaliger Sergeant und jetziger Diener Mervyn Bunter zur Seite.

Lord Peters Äußeres ist eine Persiflage auf den britischen Adel. Er ist schmal, hat ein fliehendes Kinn und ist dank Bunter immer korrekt gekleidet Er sammelt Bücher, vorzugsweise Erstausgaben und liebt die Musik von Bach. Nach einer unglücklichen Liebesbeziehung wendet er sich zur Ablenkung der Aufklärung mysteriöser Verbrechen zu, was für ihn zu einem Hobby wird.

Dorothy L. Sayers’ Entscheidung, einen Angehörigen des Adels zum Helden zu wählen, wird von Jessica Mann wie folgt kommentiert:

“(H)er readers would have accepted without question that Lord Peter had easier access to police and witnesses than Mr. Wimsey would have done.(…) Even if Sayers had known how much other writers and critics would dislike a rich lord, she must have realised that the title and the money would make an amateur detective much more plausible. It spared her having to invent a reason for his being able to find the time to poke his nose into other people´s affairs because he did not theoretically have to be elsewhere earning his living.”[13]

Auch Margaret P. Hannay führt Dorothy L. Sayers’ Beweggründe an, aus denen heraus sie Lord Peter mit den ihm eigenen Attributen ausgestattet hat.[14]

“1.    The detective must be in a position to be brought into crimes and enabled to work with the police. (Lord Peter develops a close friendship with Inspector Parker.)

2.      He must be able to drop everything at a moment and go off somewhere to investigate the crime. (Lord Peter has no professional obligations which would keep him in an office from nine to five, for example.)

3.      He must be able ‘to tackle anything from a subtle poisoning to an elaborate alibi produced by mechanical means’ if he is to be the hero of a series of books. One cannot always have the solution to the mystery depend upon poisoning if there is to be any suspense. Nor can the detective waste valuable space running around seeking expert opinions on every detail. (Lord Peter is notoriously versatile.)

4.      He must have the physical equipment to be able to cope with violent criminals. (Since guns are considered rather vulgar for English detectives, Lord Peter must have physical strength. As his creator has made him rather short, he is agile, surprisingly strong for his size, and knows karate or its equivalent.)

5.      He ‘must be leisured and rich’ (italics hers). (Lord Peter cannot be deterred by such minor considerations as the cost of chartering a plane to cross the atlantic, or the months he must disappear as Lord Peter if he is to maintain the character of Death Bredon.)

6.      If he is to figure in a series of books, he should not be too old to start with, he should have some loose ends hanging out to be developed later, and his character should evolve gradually.”[15]

Auf diese Art ist der Held mit dem nötigen Rüstzeug versehen, das es ihm nicht nur ermöglicht, als Detektiv tätig zu werden, sondern welches auch notwendig ist, um diese Tätigkeit in den Augen der zweifelnden Leser akzeptabel zu machen.

Von Lord Peter Wimseys Umgebung und Bekanntenkreis erfahren wir in Whose Body? nur wenig. Schon früh wird Lord Peters Mutter, die Dowager Duchess of Denver, vorgestellt. Auch sie stellt eine Persiflage der Aristokratie dar. Dorothy L. Sayers gibt ihr neben einem Hang zur weitschweifigen Konversation ein außerordentliches Maß an Arroganz mit. So äußert sich die Dowager Duchess bei einer gerichtlichen Untersuchung über die Jury:

“‘(…) those fourteen people – and what unfinished-looking faces they have – so characteristic, I always think, of people of the lower middle class, rather like sheep, or calves´head (boiled I mean), (…)’”[16]

So bekennt sie auch Bewunderung gegenüber dem Zeugen Thipps, dem Architekten und Mitglied der Mittelschicht, als dieser ritterliches Verhalten an den Tag legt, indem er sich weigert, einen Freund zu verraten.[17] Das kriminalistische Hobby ihres Sohnes billigt sie zwar stillschweigend und tritt auch mit Fällen an ihn heran, behält sich aber vor, es offiziell zu ignorieren.[18]

Eine weitere Person aus Lord Peters Bekanntenkreis, die wir bereits in diesem ersten Roman kennenlernen, ist the Honourable Freddy Arbuthnot. Dieser ist das realistische Gegenbild der Rolle, derer sich Lord Peter so gern befleißigt, nämlich der aristokratische Snob, der außer durch sein instinktives Handeln an der Börse keinerlei gesellschaftliche Signifikanz besitzt.[19]

Wimseys eigentlicher Partner ist jedoch Mervyn Bunter, sein Freund und Butler. Bunter war im Krieg Sergeant, als Lord Peter und er sich während einer gefährlichen Situation kennen und schätzen lernten. Nach dem Krieg folgt Bunter dem Angebot Lord Peters, in dessen Dienste zu treten. Er hilft ihm, über die nach dem Krieg häufig auftretenden Nervenzusammenbrüche hinwegzukommen.[20] Auch er begeistert sich für das Hobby seines Lords und steht ihm sowohl als technische Hilfe, besonders im Bereich der Photographie und Spurensicherung,[21] als auch gelegentlich als Spion im Kreise der Dienerschaft eines Verdächtigten zur Verfügung. Bunter ist Lord Peter treu ergeben. Diese Ergebenheit wird von diesem durch unbedingtes Vertrauen erwidert, so weit, daß er sich schon in eine Form der Abhängigkeit begibt. In Whose Body? erfahren wir von dieser Beziehung nur ansatzweise.

Das Thema der Nervenzusammenbrüche Lord Peter Wimseys ist sehr beachtenswert. Es drückt die Verletzlichkeit des Helden aus. Diese Nerven­zusammen­brüche treten immer dann auf, wenn Lord Peter schwerwiegende Entscheidungen in Hinsicht auf das Schicksal anderer Personen treffen muß, das heißt, wenn er entscheiden muß, ob er es verantworten kann, einen Mörder dem Gesetz zu übergeben. Da das zu dieser Zeit den Tod durch Erhängen nach sich zog, muß Lord Peter über Leben oder unehrenhaften Tod der entsprechenden Person, – natürlich die Unfehlbarkeit des Detektivs vorausgesetzt -, entscheiden. In Whose Body? erleidet Lord Peter Wimsey einen Nervenzusammenbruch in direktem Zusammenhang mit der Erkenntnis der Lösung des Verbrechens.[22] Er fühlt sich in die Schrecken des Krieges zurückversetzt, und nur Bunter, der diese Zeit wie er durchlitten hat, kann ihm in dieser Situation den nötigen Beistand geben. Die Nervenzusammenbrüche sind auch Ausdruck für das Gewissen Lord Peter Wimseys. Obwohl das Moment des Gewissens bereits im ersten Lord-Peter-Wimsey-Abenteuer eingeführt wird, kommt ihm erst in Sayers’ letzten Romanen inhaltliche Tragweite zu. Am Ende von Whose Body? wird die Ergreifung des Schuldigen gefeiert und es ist nicht im entferntesten die Rede von der Verantwortung des Detektivs gegenüber dem Verbrecher.

Dorothy L. Sayers führt das Moment des Gewissens im Dialog zwischen Lord Peter und Charles Parker, Wimseys Freund bei Scotland Yard, ein. Letzterer hat zu diesem Punkt eine professionelle Meinung, schließlich ist er Berufspolizist. Für Wimsey stellt sich die Situation jedoch anders dar. Für ihn ist die Kriminalistik ein Hobby, ein Spiel. Kann er als Konsequenz eines Spieles den Tod eines Menschen verantworten?

“‘That ´s what I´m ashamed of, really,’said Lord Peter. ‘It is a game to me, to begin with, and I go on cheerfully, and then I suddenly see that somebody is going to be hurt, and I want to get out of it.’”[23]

Parker weist Lord Peter zurecht. Er erklärt ihm, daß er eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft habe, den “Job” zu tun, für den er die Begabung besitze. Wenn Wimsey die Begabung hat, Verbrechen aufzuklären, dann muß er genau das tun. Jagt er Verbrecher, muß er auch zu den Konsequenzen stehen.

“‘If you´ve any duty to society in the way of finding out the truth about murders, you must do it in any attitude that comes handy. You want to be elegant and detached? That´s all right, if you find the truth out that way, but it hasn´t any value in itself, you know. You want to look dignified and consistent – what´s that got to do with it? You want to hunt down a murderer for the sport of the thing and then shake hands with him and say, “Well played – hard luck – you shall have your revenge tomorrow!” Well, you can´t do it like that. Life´s not a football match. You want to be a sportsman. You can´t be a sportsman. You are a responsible person.’”[24]

Nichtsdestotrotz bleibt Lord Peter Wimsey Amateur. Sich auf seinen Amateurstatus berufend, macht er sich auf, dem Mörder, den Sayers als ein angesehenes und wertvolles Mitglied der Gesellschaft darstellt, zu zeigen, daß er weiß, wer der Mörder ist und ihm so die Möglichkeit eines ehrenvollen Abganges, also Selbstmord zu ermöglichen.[25]

2.2  Wimseys humoreske Vorgehensweise

In Whose Body?, Dorothy L. Sayers’ erstem Detektivroman, wird uns Lord Peter Wimsey bei einer Taxifahrt auf dem Weg zu einer Versteigerung von Erstausgaben vorgestellt. Die ersten Worte, sowohl des Romans als auch die des dazugehörigen Helden sind: “‘Oh damn’”, ein erster Hinweis auf seine Unkonventionalität.

In diesem Roman befaßt sich Lord Peter Wimsey mit der Aufklärung gleich zweier Verbrechen: Dem Mord an der nur mit einem Kneifer bekleideten Leiche, die in Thipps Badezimmer aufgefunden wurde und mit dem mysteriösen Verschwinden des Geschäftsmannes Sir Reuben Levy.

Die erste Beschreibung, die wir von Wimsey erhalten, ist nicht sehr schmeichelhaft:

“His long amiable face looked as if it had generated spontaneously from his top hat, as white maggots breed from Gorgonzola.”[26]

Lord Peter hat den Ausstellungskatalog vergessen und muß deshalb zu seiner Wohnung zurückkehren, wo Bunter gerade mit Peters Mutter telefoniert. Diese berichtet Wimsey von der Leiche im Badezimmer des Architekten Thipps und bittet ihn, Thipps zur Seite zu stehen. Peter zeigt sich recht unbewegt, höchstens erfreut, daß ihm eine Abwechslung ins Haus steht. Er schickt Bunter zur Versteigerung. Er erklärt ihm genau, welche Ausgabe er warum und zu welchem Preis ersteigern soll. Bei dieser Gelegenheit zeigt uns Dorothy L. Sayers Wimseys Fachkenntnis zum Thema der Erstausgaben.

Peters einzige Besorgnis ist, ob er dem Anlaß, also dem Besuch bei Thipps, entsprechend gekleidet ist und er entscheidet sich, sich umzuziehen.

“‘Exit the amateur of first editions; new motive introduced by solo bassoon; enter Sherlock Holmes disguised as a walking gentleman.’”[27]

Bei Thipps angekommen begutachtet Lord Peter den Tatort. In seinem Verhalten zeigt er eine verblüffende Unbekümmertheit. Der Dialog zwischen Thipps und ihm gleicht mehr dem Small Talk bei einer Cocktailparty als einem Gespräch im Angesicht einer Leiche. So drückt Lord Peter seine Teilnahme an dem Schock, der das Auffinden der Leiche für den Architekten dargestellt haben muß, auf unvermutete Weise aus.

“‘I´m sure it must have been uncommonly distressin´,’ said Lord Peter, sympathetically, “especially comin´ like that before breakfast. Hate anything tiresome happenin´ before breakfast. Takes a man at such a confounded disadvantage, what?’”[28]

Lord Peter Wimsey betrachtet die Aufklärung von Verbrechen, zumindest in diesem frühen Stadium, als Spiel, als sein persönliches Steckenpferd. Das wird besonders deutlich, wenn er seine Freude über die Ablenkung in Form einer Leiche gegenüber seinem Freund Charles Parker von Scotland Yard zum Ausdruck bringt.

Er singt:

“‘We both have got a body in a bath,

We both have got a body in a bath-

For in spite of all temptations

To go in for cheap sensations

We insist upon a body in a bath-’”[29]

Charles Parker, Lord Peters Partner in diesem Fall, ist der Kontrapunkt zu dem Superhelden Wimsey. Er ist der Profi, seine Untersuchungsmethoden sind viel gründlicher, er ist zweifelnder und behutsamer in seiner Vorgehensweise als Wimsey. Parker geht, wie man es von einem Berufspolizisten erwartet, jedem Hinweis nach. Charles Parker gehört zur Mittelschicht, seine Verhältnisse sind, im Vergleich zu Wimseys, einfach zu nennen. Er entspricht weder Inspector Lestrade noch Watson bei Sir Arthur Conan Doyle. Parker ist eine respektable Persönlichkeit mit Kompetenz. Die einzige Eigenschaft, die er mit Watson oder auch mit Agatha Christies Cornel Hastings, dem Partner von Hercule Poirot, gemein hat, ist, daß er seine Schlüsse langsamer zieht. Dies dient dem Autoren dazu, dem Leser einzelne Beweisstücke hervorzuheben, um die Gedankengänge des Helden im Dialog verdeutlichen zu können. Außerdem wird dadurch die Brillanz des Helden betont.

Die Watson-Figur des etwas naiveren Partners hat weiterhin die Aufgabe dem Leser zu schmeicheln. Indem dem Partner die offensichtlichen Erklärungen geliefert werden, fühlt sich der Leser ihm überlegen. Er kann sich sagen: “Wenn ich schon nicht so clever bin wie der Held, so bin ich doch wenigstens nicht so dumm wie Watson.”[30]

Lord Peter Wimsey besitzt auch einige Hilfsmittel, die für einen Superdetektiv unerläßlich sind. Diese werden uns im Dialog mit Parker vorgestellt.[31] Sein Monokel ist nicht nur Attribut eines Snobs, sondern ein starkes Vergrößerungsglas, sein in Zoll markierter Spazierstock hat als Knauf einen Kompaß und einen Degen im Inneren. Seine als Streichholzschachtel getarnte Minitaschenlampe hatte er bereits zuvor bei der Begutachtung der Leiche im Einsatz.[32]

Lord Peters Vorgehensweise ist, wenn er sie Dritten vorführt, rational wissenschaftlich strukturiert. So begleitet er die Thesen bezüglich eines Verdächtigen in einem Gespräch mit Parker mit folgendem Satz:

“‘Following the methods inculcated at that University of which I have the honour to be a member of, we will now examine severally the various suggestions afforded by possibilty No. 2. This Possibility may be again sub-divided into two or more Hypotheses.’”[33]

Die Lösung des Problems zeigt sich ihm jedoch nicht als Folge dieses wissenschaftlich anmutenden Verfahrens, sondern in Form einer plötzlichen Erleuchtung. Er klärt nicht nach und nach Teile des Mysteriums, sondern die Lösung steht als Ganzes plötzlich vor ihm.

“And then it happened – the thing he had been half-unconsciously expecting. It happened suddenly, surely as unmistakably, as sunrise. He remembered – not one thing, not another thing, nor a logical succession of things, but everything – the whole thing, perfect, complete, in all its dimensions as it were and instantaneously; as if he stood outside the world and saw it suspended in infinitely dimensional space. He no longer needed to reason about it. He knew it.”[34]

Diese Form der Erkenntnis gibt dem Helden etwas Übernatürliches, hebt ihn ab von der gemeinen Masse – und kontrastiert ihn natürlich in besonderem Maße zu Parker.

Das typischste Merkmal des Lord Peter Wimsey ist seine Angewohnheit, den dummen, naiven Adligen zu spielen. Diese Pose dient ihm als Tarnung wie Harriet Vane, seine spätere Partnerin, in Gaudy Night, erklärt:

“‘I met him [Lord Peter Wimsey] once at a dog show,’ put in Miss Armstrong unexpectedly. ‘He was giving a perfect imitation of the silly-ass-about-town.’
‘Then he was either frightfully bored or detecting something,’ said Harriet laughing.’ I know that frivolous mood, and it´s mostly camouflage – but one doesn´t always know for what.’”[35]

Der Effekt, der mit dieser Tarnung erreicht werden soll, ist zum einen Lord Peters Gegenspieler in Sicherheit zu wiegen und ihm so die Möglichkeit zu geben, Fragen zu stellen, die einem ernstzunehmenden Interviewer nicht beantwortet werden würden. Zum anderen macht Dorothy L. Sayers damit Lord Peter Wimsey zum Sympathieträger, da diese Maskerade seine humorvolle Seite zum Ausdruck bringt.

In einer Szene in Whose Body? geht es um die Befragung der Mitbewohner des Hauses, in dem die Leiche gefunden wurde. Lord Peter trifft auf das Ehepaar Appledore, das ihm wenig Höflichkeit entgegenbringt und ihn sogar persönlich angreift. Mrs. Appledore steht ihm im Nachtgewand gegenüber und beleidigt ihn, woraufhin Lord Peter in einen Redeschwall ausbricht, der gespickt ist mit Ironie und den er selbst als impertinent bezeichnet.

“‘This is Lord Peter Wimsey, my dear,’ said [Mr. Appledore] mildly.[Mrs. Appledore] was unimpressed.

‘Ah, yes’, she said, ‘I believe you are distantly related to my late cousin, the Bishop of Carisbrooke. Poor man! He was always taken by impostors; he died without learning any better. I imagine you take after him, Lord Peter.’

‘I doubt it,’ said Lord Peter. ‘So far as I know he is only a connection, though it´s a wise child that knows its own father. I congratulate you, dear lady, on takin´ after the other side of the family. You´ll forgive my buttin´ in upon you like this in the middle of the night, though, as you say, it´s all in the family, and I´m sure I´m very much obliged to you, and for permittin´ me to admire that awfully fetchin´ thing you´ve got on. Now, don´t you worry, Mr. Appledore. I´m thinkin´ the best thing I can do is to trundle the old lady [die Mutter des Architekten, in dessen Wohnung die Leiche gefunden wurde] down to my mother and take her out of your way, otherwise you might be findin´ your Christian feelin´s getting the better of you some fine day, and there´s nothin´ like Christian feelin´s for upsettin´ a man´s domestic comfort. Good-night, sir – good-night, dear lady – it´s simply rippin´ of you to let me drop in like this.’

‘Well !’ said Mrs. Appledore, as the door closed behind him. ‘And -’

 ‘I thank the goodness and the grace
That on my birth have smiled.’

said Lord Peter, ‘and taught me to be beastly impertinent when I choose. Cat!’”[36]

Auffallend sind hier noch zwei weitere Dinge.

Erstens Lord Peters Angewohnheit, bei dieser Art Vorstellung die “g”-s am Ende zu vernachlässigen, und zweitens seine Eigenart, Literatur zu zitieren. Damit folgt Dorothy L. Sayers dem Vorbild einer anderen sehr populären Gestalt der Detektivliteratur, nämlich P. G. Wodehouse’ Bertie Wooster, der mit seinem Butler Jeeves in ähnlicher Manier Kriminalfälle löst.[37] Dieses Zitieren wird von Sayers immer dann verwendet, wenn entweder Lord Peters Intelligenz hervorgehoben werden soll, oder er in Gedanken versunken seine Umwelt vergißt. Dies passiert in einem Hotel, als er über den vermeintlichen Mörder nachdenkt.

“‘“He´s tough, sir, tough, is old Joey Bagstock, tough and devilish sly.”’ he added thoughtlessly.

‘Indeed, sir?’ said the waiter. ‘I couldn´t say, I´m sure.’

‘I beg your pardon,’ said Lord Peter. ‘I was quoting poetry. Very silly of me. I got the habit on my mother´s knee and I can´t break myself of it.’”[38]

Diese Angewohnheit teilt er mit Dorothy L. Sayers. Am Anfang der Lord-Peter-Wimsey-Romane ist diese Art des Zitierens noch verhältnismäßig selten, verstärkt sich aber im Verlaufe der folgenden Romane und kulminiert in einem wahren Wettstreit zwischen Lord Peter Wimsey und dem ermittelnden Polizisten Superintendent Kirk in Busman´s Honeymoon.[39]

Dorothy L. Sayers hat die Figur des Lord Peter Wimsey bereits in ihrem ersten Buch einer Reihe von Charaktereigenschaften ausgestattet. Diese sind jedoch noch rudimentär und entsprechen weitestgehend dem gängigen Klischee. Insbesondere sein physisches Erscheinungsbild und seine Intelligenz reihen ihn in die Gruppe der Superdetektive ein. Diesem Charakterbild folgte Dorothy L. Sayers in einer Reihe von Lord-Peter-Wimsey-Abenteuern. Mit ihrem Roman Strong Poison sollten sich aber Entwicklungen auftun, die sie selbst nicht ahnen konnte und die den Beginn einer Metamorphose des Helden darstellten.

Kapitel 1: Einleitung: Dorothy L. Sayers und ihre Helden

3. Die Romanze im Detektivroman: Harriet Vane


[1]       A.E. Murch: The Development of the Detective Novel, S. 218-244, Kap.XII, “The Golden Age”,Überarbeitete Ausgabe London: Owen, 1968

[2]       Alle fünf sind zu finden in: Edgar Allen Poe: Tales of Mystery and Imagination,Neuauflage: London: Everyman´s Library, 1968

[3]       Murch, S. 77

[4]       Vgl. Dorothy L. Sayers: “The Omnibus of Crime”, S.80 ff. in: The Art of the Mystery Story, S. 71-109, Herausgeber: Howard Haycraft, New York: Simon and Schuster, 1946, Erstveröffentlichung als Einleitung zu der Anthologie: Great  Short Stories of Detection, Mystery, and Horror, London 1928

[5]       S.S. Van Dine: “Twenty Rules for Writing Detective Stories”, in: The Art of the Mystery Story, S. 189-193, Herausgeber: Howard Haycraft, New York: Simon and Schuster, 1946

[6]       Ronald A. Knox: “A Detective Story Decalogue”, in: The Art of the Mystery Story, S. 194-197, Herausgeber: Howard Haycraft, New York: Simon and Schuster, 1946

[7]       Van Dine, S. 189f.

[8]       Kathleen Gregory Klein: “Dorothy Sayers”, S. 10 in: 10 Women of Mystery, S. 10-39, Herausgeber: Earl F. Bargainnier Bowling Green, Ohio: State University Popular Press, 1981

[9]       Vgl. “The Omnibus of Crime”, S. 76

[10]      E. C. Bentley:  Trent´s Last Case, London, 1913

[11]      Vgl. LeRoy Pannek: Watteau´s Shepherds: The Detective Novel in Britain 1914-1940, S. 29-37, Bowling Green, Ohio: State University Popular Press, 1979

[12]      Biographische Informationen des Lord Peter Wimsey wurden von Dorothy L. Sayers 1935 durch seinen fiktiven Onkel Paul Austin Delagardie geliefert und sind im Anhang der meisten der heutigen Ausgaben der Lord-Peter-Wimsey-Romane zu finden.

[13]      Jessica Mann: Deadlier than the Male, An Investigation into Feminine Crime Writing, S. 82 Newton Abbot: David and Charles, 1981

[14]      Margaret P. Hannay: “Harriet´s Influence on the Characterization of Lord Peter Wimsey”, in: As Her Wimsey Took Her, Critical Essays of Dorothy L. Sayers, S. 36-50, Heraus­geberin: Maragaret P. Hannay ,Kent, Ohio: The Kent State University Press, 1979. Sie bezieht sich dabei auf einen unveröffentlichten Artikel Sayers’: “The Craft of Fiction”

[15]      Hannay, S.37

         Der Name des Death Bredon: vgl. Dorothy L. Sayers, Murder Must Advertise, 1933

[16]      Whose Body?, S. 92

[17]      Vgl. ibid, S. 93

[18]      Vgl. ibid,  S. 11

[19]      Vgl. ibid, S. 60-63

[20]      Vgl.ibid, S. 132 f. und Busman´s Honeymoon, Epithalamion

[21]      Vgl. Whose Body?, S. 51ff.

[22]      Vgl. ibid, S. 132

[23]      Ibid, S. 123

[24]      Ibid, S. 123f.

[25]      Vgl. ibid, S. 164-172

[26]      Whose Body?, S. 9

[27]      Ibid, S. 12

[28]      Ibid, S. 14

[29]      Ibid, S. 23, Kursivschrift von Sayers

[30]      Vgl. The Omnibus of Crime, S. 77

[31]      Whose Body?, S. 32

[32]      Ibid, S. 18

[33]      Ibid, S. 77

[34]      Ibid, S. 129

[35]      Gaudy Night, S. 35

[36]      Whose Body?, S. 42f.

[37]      Vgl. Mitzi Brunsdale: Dorothy L. Sayers, Solving the Mystery of Wickedness, S. 88, New York: Berg, 1990

[38]      Whose Body?, S. 84

[39]      Vgl. Dorothy L. Sayers: Busman´s Honeymoon, S. 131f.  London: Hodder and Stoughton, 1974, Erstveröffentlichung: London 1937